Miteinander und für andere handeln – aus dem Vertrauen auf Gott Kraft schöpfen
“Gott lass meine Gedanken sich sammeln zu dir, bei dir ist das Licht, du vergisst mich nicht, bei dir ist die Hilfe, bei dir ist die Geduld. Ich verstehe deine Wege nicht, aber du weißt den Weg für mich.”
Ja, sie klingen noch in uns. Es sind die Gesänge aus Taizé, dem kleinen Ort mitten in den französischen Weinbergen, wo sich seit vielen Jahren Jugendliche aus aller Welt begegnen um gemeinsam mit den Brüdern der Communauté zu erfahren, dass Leben auch ganz anders passieren kann. Für eine Woche fernab von Alltag, Schule, Studium, Arbeit, Zeitnot, Oberflächlichkeit und Hektik nimmt jeder, der auf den Hügel kommt, ein Geschenk in Empfang.
Das Geschenk sich Zeit nehmen zu können, Menschen neu zu begegnen, sich auf den Weg zu machen, Fragen stellen zu dürfen, auf der Suche zu sein und mit allem, was er/sie mitbringt in einer großen Gemeinschaft getragen zu sein.
Eine Woche, die so ganz anders ist und ein Ort, der für jeden nicht nur ein Ort bleibt, sondern ein ganz persönliches Erlebnis wird, weil er viele Sprachen spricht.
Als am 10. Februar dieses Jahres die Glocken in Taizé zum Sonntagsgottesdienst läuteten, waren kurz zuvor auch endlich 21 junge Menschen aus Bad Doberan angekommen. Begrüßt wurden sie von den ersten morgendlichen Sonnenstrahlen und dem besten Automatencappuccino. Schon am Nachmittag zuvor schickte uns ein Reisesegen im Münster auf den Weg, im Gepäck neben allem Üblichen auch eine ganz besondere Spannung, was in dieser einen Woche wohl auf uns zukommen würde und bei dem ein oder anderen wohl auch die Sorge, ob dreimal beten am Tag nicht doch die falsche Wahl für die Feriengestaltung sein könnte.
Angekommen und nach einer vom Pastor verordneten (obligatorischen) Wanderung zur TGV-Strecke, sprachen die müden Augen bei der Einweisung und Aufgabenverteilung Bände, sodass wir alle bald erschöpft und glücklich unsere Zimmer bezogen und mit dem Abendgebet für jeden die ganz eigene Erfahrung Taizé begann. In der nun vor uns liegenden Woche konnten wir mit ca. 200 anderen Jugendlichen aus aller Herren Länder den Alltag der Brüder teilen. Dreimal am Tag wird dieser Alltag mit Bibeleinführungen, Gesprächsgruppen, gemeinsamen Essen und freiwilligem Arbeiten unterbrochen.
Wenn morgens, mittags und abends die Glocken läuten, fallen auch die letzten aus den Betten, alle Arbeit bleibt ruhen, der Kaffee wird schnell ausgetrunken und aus allen Richtungen machen sich die Leute auf den Weg in die Kirche, mitten auf dem großen Platz. Dort versammelt in einem einfachen Kirchenraum sitzen wir auf dem Boden oder auf Bänken und erleben, wie so oft in dieser Woche, dass Einfachheit erst den Raum gibt für Offenheit, Wärme und das Gefühl von Geborgenheit, dass Schönheit sich in einer Schlichtheit zeigt, die unsere übersättigten Augen beruhigt, dass es die Menschen sind, die einem kleinen Ort seine Bedeutung geben und deren gemeinsames Singen und Beten und Stillwerden der Sehnsucht eine Stimme verleiht. Eine leise, sanfte aber so vielfarbige Stimme, die jedes persönliche Gebet in sich trägt und das Herz weit macht für das Wirken Gottes. Vielleicht ist dies das Geschenk, das man in Taizé empfangen kann, das, was auch oft der “Geist” von Taizé genannt wird. Das Erleben einer Gemeinschaft, die mehr verbindet als die Zufälligkeit am gleichen Ort zu sein, mehr als der Wunsch nach Entspannung, mehr als Sympathie, mehr auch als die Zugehörigkeit zu einer Konfession. Es ist die Sehnsucht, die verbindet, die Sehnsucht nach Begegnung und Gemeinschaft.
Die Begegnungen mit den Menschen in dieser Woche haben auch uns geprägt.
Viele Gesichter und Stimmen sind noch in unseren Köpfen, neue Beziehungen wachsen auch nach Taizé weiter, viele Erlebnisse werden zu wertvollen Erinnerungen. Besonders sind die Begegnungen vielleicht, weil man auf dem Hügel spürt, dass man willkommen ist, frei von Erwartungen und Zwängen, frei, zu sein wie man ist, nicht funktionieren muss und ohne Frage in diese große Gemeinschaft aufgenommen wird. Frei also, den Menschen manchmal ganz neu zu begegnen.
Nicht nur in den Zeiten der Stille begegnet man auch immer wieder sich selbst, sieht sich im Spiegel des Gegenüber, der einem ein Lächeln schenkt, entdeckt, wie gut es tut, fragen und reden zu können, wenn offene Ohren zuhören und niemand nach richtig oder falsch schaut und besinnt sich durch die Beschränkung und Einfachheit im praktischen Alltag (z.B. im Essen ) auch im eigenen Leben auf das, was wirklich nötig ist und wie viel von dem, was man zu brauchen scheint, nicht wirklich glücklicher macht, weil es nur wenig braucht um glücklich zu sein, das aber oft verloren geht. Einen klareren Blick auch auf die Zukunft und die eigenen Ziele lässt einen die Zeit bekommen, die man sich nehmen kann nur für sich selbst.
Gemeinsam ist allen die Begegnung mit Gott und genauso unterschiedlich, wie die Menschen, die sich auf dem Hügel begegnen ist auch die Begegnung eines Jeden mit Gott. Sind es Fragen über Gott und Glauben, die man immer schon mal stellen wollte, die hier Gehör und vielleicht sogar eine Antwort finden, ist es der Austausch ganz unterschiedlicher Meinungen und Erfahrungen, die den eigenen Horizont öffnen und neue Formen des gelebten Glaubens entdecken lässt, sind es die Gesänge, die einfach das Herz berühren, ob man will oder nicht, weil jeder sie mitsingen kann und darf, weil sie in einem weiter klingen und zur Ruhe bringen, was erschöpft ist von der ständigen Bewegung und es ist die Stille, die jedem Zeit und Möglichkeit gibt sein ganz eigenes Gebet zu finden und vielleicht das “leise Sausen” zu hören mit dem Gott uns begegnen will.
In all diesen und so viel mehr Erfahrungen dieser einen Woche haben wir eine Gemeinschaft erlebt, die uns die Abreise nicht gerade leicht gemacht hat.
Die vielen Tränen zum Abschied erzählen davon, wie viel Liebe, Wärme, Güte und Freude uns durch diese Woche getragen haben und das wohl jeder sein Geschenk zur Begrüßung genutzt hat. Ankommen im Alltag fällt schwer bis man merkt, dass man das Wichtigste nicht zurückgelassen hat. Was da noch immer klingt, ist diese leise Stimme, der Geist von Taizé, die Liebe, die wir empfangen und nun mit nach Hause genommen haben. Hier können und sollen wir sie jetzt weitergeben in dem, was uns tagtäglich begegnet, den Herausforderungen, die sich uns stellen und an die Menschen, die um uns sind. Wir können die Augen aufmachen und sehen, wo wir gebraucht werden und können uns bei allem darauf verlassen, dass wir getragen und behütet sind.
Taizé ist da, wo Menschen in Gemeinschaft miteinander und für andere handeln und aus dem Vertrauen auf Gott ihre Kraft schöpfen. Dieses Wissen verbindet uns als Junge Gemeinde und gibt uns den Mut und die Kraft die zukünftigen Aufgaben anzunehmen und vor allem durch die Arbeit an und in unserem Stall auch hier in Doberan zu einer lebendigen Gemeinschaft beizutragen. “Behüte mich Gott, ich vertraue dir, du zeigst mir den Weg zum Leben, bei dir ist Freude, Freude in Fülle.”
Melanie Völske
