Das Gefühl wirklich zu leben!

Die Woche in Taizé war für mich eine der tollsten Wochen, die ich bis jetzt hatte. Das mag für den ein oder anderen recht komisch klingen, aber so frei habe ich mich noch nie so wirklich gefühlt! Die Woche war einfach traumhaft.
Sie kam mir auch gar nicht vor wie nur eine Woche, sondern wie mindestens zwei. Immer als ich zurück dachte, wie wir Zivis uns am Samstag davor in Stuttgart getroffen hatten, kam es mir vor, als wäre es bereits ewig her.
Darüber bin ich auch ein wenig überrascht, weil so voll (mit Programm oder ähnlichem) waren die Tage in der Woche ja nicht, aber langweilig wurde es eben nie. Wenn das eine zu Ende war, kam halt auch bald schon das nächste (Kirche,Essen,Arbeit,Kirche,Essen,Bibeleinführung,Kaffee,Essen,Kirche, Oyak).

Und eben die Menschen! Aus den unterschiedlichsten Ecken der Erde und alle total offen für neue Kontakte. Das fand ich sehr toll. Und diese Menschen waren halt auch immer um einen herum. Egal wo man hin ging – irgendwen kannte man irgendwie und konnte kurz erzählen. In Deutschland sind die meisten dann eben doch mit sich zu Hause nach der Arbeit beschäftigt und so beisammen ist man hier nicht, was Taizé für mich halt so besonders macht – raus aus der Baracke/Zelt und man ist unter freundlichen offenen Mitmenschen.
Das Essen fand ich super! Es wurde mir ja erzählt, dass es recht einfaches Essen sein soll und viel gab es nicht, aber mir hat es jedes mal geschmeckt! Zusammen zu essen war auch ’was Besonderes.

Tja, die täglichen Gebete… für mich immer wieder toll. Natürlich waren sie in den ersten Tagen am interessantesten, weil danach etwas die Routine aufkam, aber wo sitzt man wirklich lange Zeit schweigend mit so vielen Menschen zusammen auf engstem Raum? Das fand ich schon beeindruckend, und jeder halt mit seiner individuellen Lebensgeschichte und den individuellen Problemen darin… Das hat mich auch ziemlich beeindruckt, als da an einem Abend ein Junge mit glasigen Augen mir vom „Altar“ zurück entgegen kam oder als dort ein Mädchen saß mit dem Kopf auf die Knie gestützt und zwei andere Mädchen, die sie umarmten.
Da dachte ich mir echt:“Boah, schon echt heftig.“, Ich meine: Jeder hat nun mal irgendetwas, was ihn/sie beschäftigt, aber in der „typischen“ Gesellschaft wird das zu meist von den meisten immer überspielt nach dem Motto: “Ich muss stark sein und nichts nach außen zeigen.“. Das macht die Gesellschaft echt grau und stupide und hart…. Außerdem hatte ich gesehen, dass ich nicht der einzige in der Kirche bin, der den Tränen mal freien Lauf lässt. Beeindruckt war ich auch von der stimmlichen Qualität des Gesangs von den Brüdern!
Das Glockenläuten vor den Gebeten vermisse ich! Ich kam mir zwar manchmal vor wie im Film, der in einer kleinen christlichen Dorfgemeinde spielt, aber für mich war es immer ein Zeichen:“So, jetzt schnell los.“. und alle treffen sich halt dort – Anziehungspunkt für alle – halt mal alle beisammen, schwer in Worte zu fassen.
Auch schön war, dass man nachts noch in die Kirche konnte und auch immer noch einige da waren, die irgendwie gesungen haben. Das war wirklich beruhigend einfach so auf dem Teppich herum zu liegen am Ort der Ruhe. Das habe ich auch manchmal gebraucht.
Eebnso die Quelle als Ort der Ruhe – schöner Ort. War zwar bisschen mühsam wieder die Treppen hoch zu gehen, aber es hatte sich immer wieder gelohnt. Nachdem man dort zur Ruhe kommen war und nachgedacht hatte, hatte man auch neue Energie sich wieder offen und positiv gelaunt ins Getümmel der Mitmenschen zu begeben.
Die Landschaft finde ich auch fein zum Radfahren oder wandern. Man war wirklich frei. Weil man den ganzen Stress und Alltag von zu Hause wirklich für die Zeit vergessen konnte, weil es einfach wirklich etwas ganz Anderes war als zu Hause. Man brauchte sich um nichts sorgen zu machen und außerdem schön: Jeder hilft mit. Das hat für mich das Gemeinschaftsgefühl echt gestärkt bzw.
Taizé eben zu etwas wirklichem anderem/besonderem gemacht. Ich glaube es wäre echt anders gewesen, wenn alles von einem Personal oder so getätigt worden wäre. Das würde die gemeinschaftliche Atmosphäre wohl echt zerstören, denke ich. Das miteinander war toll. Was bei mir einen tiefen Eindruck hinterlassen hat: Ich brauchte nur 7,5 Stunden Schlaf und war immer fitt – halt nie müde! Zu Hause sind mir selbst
9 Stunden manchmal zu wenig! Für mich war das so:“Mensch! Die Schlaffheit der Gesellschaft macht sich die Gesellschaft selbst“ (wie bei vielen Problemen in der Gesellschaft) – Ich meine, ich hätte niemals gedacht, dass die seelische Freiheit so intensiv auf den Organismus wirkt. Aber anderes kann ich mir das nicht erklären, wieso ich auf einmal dauernd so top fitt war ohne die normale Schlafdosis.
Auch arbeiten im Cadolle war toll. Es war nie anstrengend oder so, nein, es hat immer Spaß gemacht, eben weil es auch sehr gemeinschaftlich war. Den Tee, den ich anfangs nicht so mochte, lernte ich nach der Arbeit in der Runde mit den anderen und den Keksen auch zu schätzen.
Die Abende waren auch immer sehr kreativ und kommunikativ. Musik, Tanz, Gespräche – war einfach toll.
Ich war auch echt traurig, dass wir am Sonntag dann schon abreisen mussten. Aber es war auch irgendwie eine Abschiedsstimmung da. Ich meine, viele waren bereits gefahren und die anderen, die noch nicht abgefahren waren, waren gerade dabei ihre Sachen in den Bus zu packen… Aber schon irgendwie crass:
Man wusste: Wir fahren jetzt und es war sooo eine tolle Woche, aber für die nächsten beginnt genauso eine tolle Woche jetzt gleich in ein paar stunden – für die geht es gerade mal jetzt erst los! Ich bin zwar nicht christlich (bin Agnostiker), aber für mich war das so ein Gefühl, was man durch Gedanken der Wiedergeburt beschreibbar machen könnte – das eine geht zu Ende und das neue ist schon gleich um die Ecke und wird in neuer blühte erstrahlen!
Als wir das Gruppenfoto gemacht hatten und dann endlich losfahren mussten, fingen die Glocken noch einmal an zu Leuten! Das war auch sehr emotional!
Nach dem Motto:“Taizé verabschiedet sich….“ Im Auto fingen wir auch an darüber zu nörgeln, was denn eigentlich alles so Mist in Taizé gewesen war:
Die Toiletten, die Betten, das Essen und was das eigentlich alles für unsinnig war.
Natürlich wussten wir alle, dass es jeder nur ironisch meinte, um die Abschiedstrauer irgendwie positiv zu überspielen…War irgendwie schon ein trauriger Moment, aber Taizé – ich komme wieder! Es wird zwar nie mehr so werden, wie es war, aber man sollte es positiv ohne Wehmut in Erinnerung halten – denn beim nächsten Mal wird es zwar anders, aber mindestens genauso toll!
Letztendlich war es dann doch wirklich eine tolle Woche geworden. Die seelische Unbefangenheit war für mich das Schönste – die Freiheit – die Mitmenschlichkeit und Gemeinschaft – das Gefühl mit der Welt verbunden zu sein aufgrund der Menschen unterschiedlichster Herkunft – das Gefühl wirklich zu leben!
Klar, dass das in der „normalen“ Gesellschaft alles sehr idealistisch wäre/ist, umso mehr war ich erfreut meinen Idealismus in Taizé  mal ausleben zu können. Das hat mir wirklich Kraft und innere Stärke gegeben vieles zu Hause anzustreben, was in Taizé einfach zur Realität gehört.
Danke, dass wir jungen Menschen die Möglichkeit haben, nach Taizé zu kommen!
Es wird einfach gezeigt, dass es geht – dass es die „typische“ Gesellschaft nicht zwingen überall geben muss, dass es Menschen gibt, die ähnlich denken – dass man nicht alleine da steht speziell mit den Veränderungsideen, wie es eigentlich in der Welt zu gehen müsste (bsp. Konsumverzicht etc.) – das man die Kraft bekommt die Dinge gemeinschaftlich anzupacken – auch zu Hause nach Menschen Ausschau zu halten, die es genau so sehen, wie man selbst.

Matthias