Aufruf an alle, die wieder im Alltag sind

Meine lieben Freundinnen und Freunde, was ich Euch jetzt schreibe, weiß ich noch gar nicht so genau, denn vieles wird gleich spontan passieren, ohne dass ich es vorher weiß. Ich weiß nur, dass am Ende eine Ermutigung stehen soll, ein Aufruf zur Gerechtigkeit und zum christlichen Leben auch nach der Zeit in Taizé.

Mich hat Taizé unheimlich beeindruckt, ich fühlte mich gebraucht und gestärkt, stark und voller Elan, einfach gut und ich hatte das Gefühl, dass ich diese eine Woche lang so gelebt habe, wie wir als Christinnen und Christen leben sollten. Vielleicht ergeht Euch das ja ein wenig ähnlich, dann könnt Ihr sicher auch gut nachempfinden, dass ich eine Sehnsucht nach dem spüre, was uns dort angeboten wurde: Diese unglaubliche Nähe zu den anderen Menschen, zur Schöpfung, zu mir selbst und zu Gott, der sich in den Beziehungen zu allen Dingen so deutlich gezeigt hat wie an sonst wenigen Orten auf dieser Welt.

Es tat gut, Gott, die Menschen, die Schöpfung und sich selbst intensiver zu erfahren als im Alltag. Es hat mir Mut und Hoffnung gegeben, weiterzumachen, dran zu bleiben, dran zu bleiben an Gott, an Euch. Ich will vieles von dem, was ich dort erleben durfte nicht als bloße Erinnerung behalten, nein, es soll weiterhin lebendig sein, denn weil ich alles so positiv und intensiv erleben durfte, verpflichte ich mich jetzt auch dazu, dies zu bewahren und immer wieder neu zu beleben.

Es wäre falsch, sich bloß von Zeit zu Zeit schöne Fotos anzuschauen. Es wäre falsch, einfach nur an Euch zu denken, vielleicht mit einem Lächeln auf den Lippen. Es wäre falsch, mich nur danach zu sehnen, es bloß zu vermissen. Diese Dinge sind mit Sicherheit wichtig, aber sie allein genügen nicht, denn dann hätten wir eine Menge falsch verstanden und würden uns unter unserem Wert, den wir vor und von Gott haben, verkaufen.

Ein solches Geschenk Gottes – und Taizé ist ein Geschenk Gottes – muss angenommen, behalten, gelebt und damit an andere Menschen weitergegeben werden. Dies ist eine unglaubliche Herausforderung, eine schwierige Aufgabe, aber auch ein ungemeiner Zuspruch, ein unbedingtes Vertrauen in und Bauen auf uns Menschen. Gott baut auf uns und unsere Hilfe. Er traut uns zu, dass wir das, was wir erleben und erfahren durften in Gebeten, Gesprächen, im Singen, im Lachen und Weinen und in der Einfachheit des Lebens, dass wir all das anderen erfahrbar machen können. Nur wie? Wie können wir jetzt konkret werden? Denn eines muss uns klar sein, wenn wir nicht enttäuscht werden wollen: Wir können Taizé nicht in unsere Koffer packen, einfach mit nach Hause nehmen und dort genau so aufbauen. Unser Alltag ist nicht Taizé und wird es auch niemals sein.

Ich habe einmal in der Woche zu Anja gesagt, dass ich am liebsten den Frère, dessen Bibeleinführung ich besuchen durfte, mit mir nach Hause nehmen, in den Schrank stellen und bei Bedarf für fünf Minuten und ein paar schöne Worte herausnehmen möchte. Auch Anja war von der Idee begeistert, der Frère wäre davon vielleicht nicht ganz so angetan gewesen. Aber selbst wenn der Frère sich verrückter Weise dazu bereit erklärt hätte, wäre das nicht richtig gewesen. Denn die Brüder haben ihre Schuldigkeit an uns bereits getan, sie haben uns schöne viele Stunden bereitet, viele schöne Lieder und Gebete präsentiert und uns viele schöne Impulse mit auf unseren Weg gegeben. Jetzt aber sind wir dran. Jetzt liegt es an uns, dies weiter zu tragen. Die Brüder können uns so direkt zur Zeit nicht helfen und das ist vielleicht schade, aber auch gut so. Wir dürfen uns auf der Arbeit, die für uns getan wurde und die uns unsere eigene Arbeit in Taizé sehr erleichtert hat, nicht ausruhen, sondern müssen sie selbst fortführen.

Wir sind dazu aufgerufen, Christus nachzufolgen, dem wir in der letzten Woche vielleicht intensiver als sonst begegnen durften. Es ist aber mit dieser Woche nicht vorbei, nicht getan. Es geht weiter und es ist hier mit Sicherheit schwieriger als dort. Die ganze Atmosphäre, die in Taizé herrschte, uns umgab und trug, gibt es im Alltag so nicht. Nicht das schönste Taizé-Gebet in Vechta oder Bokelesch kann diese einmalige Atmosphäre herstellen. Die vielen interessanten Gespräche werden im Alltag abgelöst durch viele lästige Kleinigkeiten, durch Stress und Streit, und die Grenzen zwischen Menschen, die in Taizé überwunden sind, sind wieder deutlich da und engen uns ein. Manchmal scheint alles, was wir erfahren haben, schon unendlich fern und lange her zu sein.

Wir könnten jetzt resignieren, aufgeben, den Kopf und die Schultern hängen lassen. Denn sicher habt Ihr längst verstanden, dass die Stimmung und Atmosphäre aus Taizé nicht mit uns mitgekommen ist. Sie ist dort geblieben und erfreut jetzt andere Menschen, schenkt anderen Menschen diese intensiven Erlebnisse und Erfahrungen. Wir aber, bleiben wir auf der Strecke? Ist die Nachfolge Christi auf diese Art und Weise für uns überhaupt möglich? Ich sage ganz klar: Ja, sie ist möglich. Sie ist möglich, weil wir von Gott selbst dazu aufgefordert sind. Er fordert uns jedoch nicht bloß auf, sondern er wird uns tragen. Er wird uns helfen. Niemals wird er uns zu etwas auffordern und uns bei der Umsetzung dann im Stich lassen. Ein Gott, der einer von uns, ein Mensch wird, für uns leidet, stirbt und aufersteht, wie kann er uns im Stich lassen? Er kann es nicht, er würde es niemals tun, nein im Gegenteil, er beschenkt uns jeden Tag mit seiner reichen Fülle. Auch in unserem Alltag, denn dass wir überhaupt Alltag erleben dürfen, also leben dürfen und das nicht alleine sondern miteinander und mit Gott, das allein schon ist ein großes Geschenk. Leben ist keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Geschenk Gottes. Und wenn wir das begreifen, wenn wir uns getragen wissen, wenn wir aber auch wissen, dass wir nicht zu unmöglichen Dingen aufgefordert sind, sondern zu Dingen, die unseren Fähigkeiten entsprechen, dann können wir völlig befreit, erleichtert, ohne jede Last uns bemühen, unsere Erfahrungen und Erlebnisse aus Taizé in unseren Alltag zu den anderen Menschen zu tragen.

Genau dazu möchte ich Euch alle aufrufen. Nehmt diese Aufgabe wahr, jedoch ohne Leistungsdruck, ohne Angst vor Versagen, denn Ihr könnt nicht versagen, weil Ihr immer Unterstützung bei Gott finden werdet. Ich hatte kürzlich ein sehr gutes Gespräch mit einem Pater der Dominikaner, der mir in vielen Dingen damit geholfen hat. Er sagte mir, dass ich mich darauf besinnen muss, dass es etwas gibt, bei dem ich nicht helfen kann, was zu groß und zu viel für mich wäre. So wie es eben zu viel für uns wäre, Taizé ganz und gar in unseren Alltag hier zu bringen. Aber er sagte mir auch, dass ich dann immer die Möglichkeit habe, all dies in Gottes Hände zu legen, es ihm anzuvertrauen und ihm zu sagen: „Ich kann es nicht, bitte tu du es für mich.“

Also seid bereit für das, was vor Euch liegt, seid Euch gewiss, dass es manchmal schwierig wird, dass ihr aber nicht resignieren müsst, weil Ihr stets getragen seid, auch wenn es sich manchmal nicht so anfühlt. Und seid Euch stets sicher, dass wir uns haben, dass wir einander helfen können in vielen Dingen, nicht in allen, aber doch in vielen. Ich würde immer auf Eure Unterstützung bauen und bin mir sicher, dass niemand von Euch sie mir versagen würde, weil Ihr den Geist, die besondere Atmosphäre in Taizé so gespürt habt wie ich, weil ihr gute Menschen und gute Christinnen und Christen seid. Zusammen mit Gott können wir eine Menge schaffen und sind dazu auch aufgefordert.

Denkt immer daran, dass diese Aufforderung eine Zusage Gottes an uns ist, dass er auf uns baut und unseren Wert unendlich hoch einschätzt. Bleibt dran. Macht weiter. Habt Mut und keine Angst. Und wo ihr nicht weiter wisst, wo niemand weiter weiß, da legt dies in Gottes Hände und vertraut ihm wie auch er uns vertraut.

Dann bewahren wir, was wir erfahren haben und leben wir, was wir erlebt haben und machen es so anderen Menschen zugänglich. Vielleicht verändern wir so ein wenig unseren Alltag, vielleicht wird einiges besser, vielleicht spüren wir manchmal wieder die Atmosphäre von Taizé, vielleicht werden wir selbst zu dem Frère, den sich manche gerne in den Schrank stellen und ab und zu für ein paar schöne Worte hinausholen würden.

Jeder muss sein eigener “Frère” werden, jeder tut das, was seinen Fähigkeiten entspricht. Wer gut reden und überzeugen kann, der tue dies, wer gut trösten kann, der tröste, wer gut beten kann, der bete und wer gut singen kann, der singe. Jede und jeder von uns trägt auf seine Weise und mit seinen Fähigkeiten zum Gelingen bei und jede und jeder von uns kann darauf bauen, dass wir uns gegenseitig da unterstützen, wo wir etwas nicht leisten können und dass Gott uns immer trägt.

Ich grüße Euch alle herzlich, Euer Benedikt


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