“… dass wir auch normale Menschen sind.”

Im Juli 2009 waren wir mit ca. 20 Jugendlichen, 4 aus der Badstraßenschule, 10 aus der Realschule Calw  und 4 von der Förderschule Bad Liebenzell. Ein Mädchen sagte voller Freude: “Kommen da wirklich auch Schüler von anderen Schulen mit? Das ist ja toll, dann sehen die, dass wir auch normale Menschen sind.”

Es sind Kinder, die z.T. an ihren Eltern die Aufgaben übernehmen, die eigentlich die Eltern an ihnen leisten müßten. Diese Kinder haben kaum finanzielle Mittel für die Fahrt, daher habe ich in unserer sonntäglichen Taizé – Andacht eine Sammlung gestartet. Ich zapfe auch überall an, wo sich was zapfen läßt, denn diese Schüler sollen unbedingt mitfahren können. 2 von meinen Kindern kommen dann noch als Betreuer mit, ein Lehrer von der Realschule und 2 – 4 erwachsene Spender. Somit hoffe ich, beim Bus den billigsten Fahrpreis zu erzielen, wenn alles so bleibt.

Meine 9. Klasse, die im letzten Jahr in Taizé war, wollte ja wegen der Abschlußfeier nicht noch einmal fahren. Doch sie wollten im Unterricht Meditationsbänkchen bauen. Ich habe ihren Wunsch erfüllt, und während sie liebevoll werkelten, träumten sie davon, noch einmal nach Taizé zu fahren.

Als Reli – Lehrerin bin ich für die Verwirklichung der Träume zuständig und so fuhr parallel zu unserer Busfahrt der Gemeindekleinbus mit 8 – 9 Schülern. Diese konnten dann bis Donnerstag bleiben und am Freitag zu ihrer Abschlußfeier gehen. Ich finde exotische Lösungen immer reizvoll.

Tagebuch kurz vor der Fahrt:

“Nun ist es fast soweit, am Samstag geht es los, und am Abend sind wir hoffentlich in Taizé. Wir freuen uns alle darauf, 20 Kids, 5 Betreuer, 3 Zusatzerwachsene. Die Zuschüsse sind noch nicht alle genehmigt, aber die Hauptsache ist, wir sind vollzählig. Am letzten Sonntag war Taizé – Andacht und fast alle SchülerInnen waren versammelt. So dass das erste leise Gelächter bei der Stille nun vorbei sein dürfte und in den Gottesdiensten in Taizé dann wirklich Ruhe herrscht. Die Rektorin von der Realschule ist ganz begeistert, sie will im nächsten Jahr noch das Gymnasium kapern. Auf dass die Gruppe wächst nach dem Motto ” Ins Wasser fällt ein Stein “, ausgelöst durch den Besuch eines Bruders von Taizé.

Kleine Begebenheit: Drei meiner Schüler der 9. Klasse wollten wieder mit, doch war ihnen der Preis zu hoch. Ich sagte: ’Zahlt jeder 80€ die restlichen 50€/ Person zahle ich.’ Sie zahlten je die 80 €, und meinten sie wollten den Rest noch verdienen. Eines Tages standen sie vor meiner Haustür mit einem Plastikbeutel . ’ Hier, wir haben im Kaufland den Kunden die Lebensmittel eingepackt, es sind 147,58€.’ Ich war sehr gerührt, so dass ich von jedem 20€ nahm, so haben sie schon Taschengeld. Einer, der dabei war, durfte im letzten Jahr trotz meines Kampfes,wegen schlechten Verhaltens nicht mit. Irgend etwas muß doch da falsch sein!

Tagebuch kurz nach der Fahrt:

“Heute hatten wir unser Nachtreffen im Anschluß an eine Taizé – Andacht. Es waren ca. 45 Menschen da. Unser Pfarrer hat es mit der Firmvorbereitung gekoppelt. Im nächsten Jahr kommen mindestens 5 Schulen: Förderschule Bad Liebenzell, Badstrasse, Realschule Calw, Realschule Nagold, Gymnasium Calw. Vielleicht noch eine Schule aus Weinberg bei Winnenden, oder noch die Schule aus Winnenden, da wollen wir noch Kontakt aufnehmen.”

Und dann wieder der Alltag und ein grosses Problem:

“Gestern wurde mir wieder deutlich vor Augen geführt, wie groß der Verlust für Haupt – und Grundschüler wäre, sollte der Standort unserer Schule aufgegeben werden, wie es geplant ist. Eine Mutter meldete sich bei mir ( ich bin ja an der Schule Schulseelsorgerin, als solche von der Kirche eingesetzt und gefördert ). Im Gespräch bat mich diese Mutter um Hilfe, sie wüsste nicht, wie sie ihre Kinder am Wochenende ernähren solle. Nach einer persönlichen Soforthilfe, leitete ich mit Kontakten zu unserem kirchlichen Caritasausschuss eine fortlaufende Hilfe ein.

Dieser Hilferuf ist kein Einzelfall. Eltern wenden sich aber nur an mich, wenn Beziehung über Jahre gewachsen ist, wenn ich SchülerInnen und Geschwisterkinder über Jahre hinweg kenne. Nach langer intensiven Arbeit, auch mit verschiedenen Hilfsstellen, habe ich nun ein soziales Netzwerk aufgebaut.

Unsere SchülerInnen leben zum Teil auf der Schattenseite des Lebens. Sie haben unvollständige Familienstrukturen, unsere Schule ist für sie Familienersatz. Paten aus der Hauptschule, und ältere Geschwisterkinder sorgen für einen pünktlichen Schulweg, die Eltern sind dann oft schon arbeiten, oder durch Suchterkrankungen nicht in der Lage sich darum zu kümmern.

Für die gesamte Grund – und Hauptschule würde auch der – wie die Engländer sagen Livingroom, Lebensraum, das Wohnzimmer der Schule entfallen. Es ist unsere Oase, der Raum der Stille, um den uns viele Schulen beneiden. Von Lehrern und SchülerInnen mit viel Engagement liebevoll hergestellt, von der Elternschaft und dem Bischöflichen Ordinariat finanziell unterstützt, gehört er zur Lebenswelt aller unserer SchülerInnen. Er wurde von ihnen immer geachtet, nie zerstört. Alle ziehen – wie es bei Mose steht- die Schuhe aus, denn sie betreten heiligen Boden, weil dieser Raum ihnen heilig ist. Er bietet ihnen das, was ihnen zu Hause fehlt, Geborgenheit. Hier erleben sie Adventsstunden, hier haben sie getrauert, als 2 Mitschüler und eine Lehrerin verstarben, hier können sie sich für vertrauensvolle Gespräche zurückziehen.

Auch dieser Teil des sozialen Netzes würde bei einer Verlegung zerstört werden. Kindern ein Zuhause geben, darauf ist unsere gesamte Schulkonzeption aufgebaut. So kommen längst entlassene SchülerInnen auch immer wieder zu Besuch, und später bringen sie ihre Kinder, eine Großfamilie, die nicht der besseren Vermarktung  der Gebäude zum Opfer fallen darf. Wir bemühen uns die sozial Schwachen in der Stadt zu integrieren, damit sie später in der Gesellschaft zurechtkommen und nicht zu Außenseitern werden, zum Gefahrenpotenzial, wie man täglich in der Zeitung lesen kann. Zerreißen wir nicht das soziale Netz, es könnte sein, dass wir den Faden zerstören, an dem wir alle hängen!”

Ilona Jahn


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