Zwei Tage in Österreich, die Donau bei Mauthausen
13. 8. 2002
Ich möchte kurz erzählen, wie es im Moment in Österreich aussieht und euch alle um eure Gebete bitten. Ich weiss nicht, ob ihr in Frankreich von den Überflutungen was gehört habt – es ist ziemlich schlimm.
Letzte Woche gingen Bäche über, die noch nie seit Menschengedenken Hochwasser führten. Viele Menschen waren betroffen, die völlig unvorbereitet auf so eine Situation sind. Auch viele meiner Verwandten und Freunde sind im wahrsten Sinne des Wortes davongeschwommen. Ein sehr guter Freund meiner Eltern (war auch in Taizé mit, als sie mich besucht haben) galt stundenlang als vermisst – er war mit seinen Kollegen total eingeschlossen und konnte in letzter Sekunde nur mehr mit dem Hubschrauber geborgen werden. Bei den Bauern in der Umgebung starben unzählige Tiere; Schweinekadaver und tote Haustiere schwammen teilweise durch die Häuser. Das Haus unseres Pfarrgemeinderatsvorsitzenden ist abbruchreif. Das Wasser stieg bis in den ersten Stock. Das Schlimme letzte Woche war, dass das Wasser so schnell kam, dass praktisch nichts mehr gerettet werden konnte. Neben den vielen “Privat-Schicksalen” sind auch viele Wirtschaftsbetriebe betroffen. Tausende Menschen fürchten um ihre Arbeitsplätze.
Übers Wochenende ging das Wasser fast überall langsam zurück und alle waren mit den Aufräumarbeiten beschäftigt. Am Sonntag hat es wieder zu regnen begonnen. Mittlerweile ist fast ganz Österreich betroffen. Diesmal sind es nicht nur die kleinen Bäche, sondern auch die Donau, die Hochwasser führt. In Mauthausen bedeutet das zum Beispiel, dass der halbe Ort schwimmt. Heute mussten sogar Ortschaften evakuiert werden, die noch nie seit Menschengedenken vom Hochwasser bedroht waren. Es gibt nur mehr ein Geschäft, das offen hat; die einzige Bäckerei im Umkreis hat diese Nacht bis zwei Uhr früh gebacken, während das Wasser den ganzen Verkaufsraum schon überflutet hat. Um zwei viel der Strom endgültig aus.
Rundherum brechen Dämme, die freiwilligen Helfer kommen mit der Arbeit nicht mehr nach. Die betroffenen Menschen sind endgültig verzweifelt. Alle die letzte Woche schon geschwommen sind, müssen ihre Häuser jetzt zum zweiten Mal verlassen. Und das ist jetzt nur Mauthausen. Gestern hatte man Angst, dass Salzburg versinkt, entlang der Donau stehen alle Orte unter Wasser, das Salzkammergut ist gesperrt, das Kamptal ebenfalls, die nördlichen Grenzgebiete (Mühlviertel, Waldviertel,…
sind betroffen, auch im Burgenland, der Steiermark, in Tirol und Vorarlberg sind einzelne Gebiete überschwemmt.
Meine Familie beherbergt mittlerweile mehr als 10 Freunde und Verwandte (inkl. Haustiere), sie kochen rund um die Uhr für die Helfer, waschen die Wäsche und leisten seelischen Beistand. Wasser gibt es keines mehr (so pervers das klingt) – weil der Brunnen durch den starken Regen überflutet wurde und soviel Dreck im Wasser ist, dass man es nicht mehr trinken kann.
Besonders die Alten sind verzweifelt. Es gibt immer wieder berührende Szenen, weil die Menschen nicht glauben können, dass es so schlimm ist. Mein Onkel und seine ganze Familie musste gerade vor einer Stunde innerhalb von 20 Minuten das Haus verlassen. Sie sind jetzt bei meinen Eltern und können vom Berg aus zusehen, wie das Wasser immer näher an ihr Haus kommt. Sie können nichts mehr tun und nur erahnen, was sie bei ihrer Rückkunft erwartet…
Wir können nichts mehr tun, als beten und hoffen, dass der Regen endlich aufhört. Und ich bitte auch euch um euer Gebet.
14. 8. 2002
Der gestrige Tag verlief in den Hochwasser-Gebieten noch recht dramatisch. Im gesamten Ortsgebiet von Mauthausen brach der Strom zusammen. Vor Freitag rechnet niemand damit. Ich konnte noch kurz mit meiner Mama telephonieren, bevor auch der Akku an ihrem Handy ausging. Gestern nachmittag waren sie sehr verzweifelt. Das Haus voller Leute – und kein Wasser, keine Waschmöglichkeit… Heute haben sie ein Notstromaggregat aktiviert und kochen am alten Holzherd. Insofern sind sie noch gut dran. Trotzdem ist es schwer. Mein Onkel und seine Familie konnte heute wieder nach Hause. Sie räumen bereits die Verwüstung auf. Unsere Freunde können dagegen immer noch nichts tun. Sie leben in einem Gebiet, das von mehreren Seiten überflutet ist. Die Donau geht extrem langsam zurück, es wird wohl noch Tage dauern. Einen anderen Onkel von mir hat es besonders arg getroffen. Das Wasser stieg im ersten Stock noch mehr als einen Meter!!!! Sie hatten alle Tiere vom Erdgeschoss rauf gebracht – umsonst, fast der gesamte Tierbestand ist über Nacht ertrunken. Man kann sich das alles nicht vorstellen… Während trotzdem schön langsam wieder Bewegung aufkommt, weil die Menschen jetzt wenigstens aufräumen können und die Österreicher die nicht betroffen sind, spenden wie die Verrückten, habe ich die Nacht in der Wohngemeinschaft verbracht und meine Kids beruhigt. Sie haben überhaupt keine bildliche Vorstellung und sind kaum zu überzeugen, dass das Wasser Wien nicht überschwemmen wird…
