Was kommt da auf uns zu?

Die Reformdiskussion der jüngsten Zeit hat es gezeigt: Deutschland steht vor großen Herausforderungen und hat viele ungelöste Schwierigkeiten. Das Land stöhnt unter den Besitzständen und Verkrustungen, die sich in über 50 Jahren Wohlstand und Wachstum im Westen herausgebildet haben. Dazu addieren sich noch die Probleme des teilweise fehlgeschlagenen Aufbaus Ost, an dessen Ende weiterhin vor allem eines steht: Perspektivlosigkeit und ein großer Unterstützungsbedarf in vielen Landesteilen. Doch die größte Belastung für das Gemeinwesen ist erst langsam im Anrollen: es gilt, die Altersversorgung der ersten Nachkriegsgenerationen sicherzustellen. Deren Ansprüche sind lang erworben, rechtlich festgeschrieben und damit nicht weg zu diskutieren. Einziger Haken: Finanzmittel, damit diese Aufgabe gemeistert werden kann, wurden nicht zur Seite gelegt. So verengt sich der Gestaltungs- und Handlungsspielraum für Innovation und Reformen zusehends. Große Teile der öffentlichen Haushalte sind auf Jahrzehnte hinaus durch die Altersversorgung gebunden. Gleichzeitig lastet bereits heute ein immenser Schuldenberg auf der öffentlichen Hand, dessen Tilgung ebenfalls anstehen wird. Mit dieser Situation Herr zu werden und so ganz nebenbei auch noch Problemkomplexe wie Arbeitslosigkeit, Zuwanderung und Integration, Verwaltungsreform usw. zu lösen, ist die Aufgabe und Erwartung, die an die junge Generation gestellt wird. 

Junge Generation?! – ja richtig: damit sind wir Jugendlichen gemeint, die sich durch Schule, Ausbildung oder Studium gerade auf die Herausforderungen des Lebens vorbereiten. Vor diesem Hintergrund ist es also an der Zeit, ein wenig Vorzudenken:

Wer sind wir eigentlich?

Klingt vielleicht komisch, ist aber eine wichtige Frage: auf wen kann Deutschland eigentlich bauen, wenn es sich auf seine junge Generation verlässt? Nun, zunächst wird sich in diesem Kontext langsam aber sicher ein Phänomen bemerkbar machen, das schon länger unter dem Schlagwort des demographischen Wandels diskutiert wird. Als Ergebnis des Geburtenrückgangs der letzten Jahrzehnte einerseits und der gestiegenen Lebenserwartung andererseits tragen immer weniger Junge Verantwortung für immer mehr Alte. Nachdem wie oben dargelegt jeder, der heute in Rente geht, eine ganze Reihe unbezahlter Rechnungen hinterlässt, ist die Belastung für die sowieso zahlenmäßig „ausgedünnten“ Jahrgänge besonders groß. 

Aber auch wenn wir den Blick in die Reihen der jungen Generation lenken, bleiben uns erschwerende Umstände nicht verborgen: so ist es zwar einerseits so, dass es einen sehr gut qualifizierten, hoch motivierten und leistungsstarken Teil gibt. 

Andererseits finden wir aber – und das in nicht unbeträchtlichem Umfang – auch genau das Gegenteil: vielen Jugendlichen fehlt es an Perspektiven. Ihr Bildungsstand entspricht in keinster Weise den Anforderungen der vernetzten und komplexen Wissensgesellschaft. Ein unheilvolles Gemisch aus Schwierigkeiten im sozialen Umfeld, schulischen und beruflichen Misserfolg, Orientierungslosigkeit, Anfälligkeit für Drogenmissbrauch und Kriminalität führt dazu, dass es einem Teil der deutschen Jugend nicht einmal gelingen wird, das eigene Leben zu schultern. An ein Mittragen an den Lasten der Allgemeinheit ist gar nicht zu denken, vielmehr sind diese Menschen selbst unterstützungsbedürftig. 

Das bedeutet im Ergebnis, dass sich auf den Schultern der kleinen Gruppe von Leistungsträgern der jungen Generationen eine große Last vereinigen wird und viele ihrer solidarischen Hilfe bedürfen.

Wie gehen wir damit um?

In Hinblick auf den Umgang der jungen Leistungsträger mit dieser Situation scheint es so zu sein, dass das Wissen um die Zusammenhänge zwar vorhanden ist, daraus aber keine persönliche Betroffenheit abgeleitet wird. So ist die dominierende Maxime in Sachen Zukunftsplanung wohl eher das Prinzip persönlicher Leistung als die Verantwortung für die Allgemeinheit. Fraglich ist auch, inwieweit die verfassungsrechtliche Festlegung, wonach die Bundesrepublik ein Sozialstaat und damit ein in sich abgeschlossener Solidarraum ist, Niederschlag in der Identität des Einzelnen findet und in diesem dementsprechend die Bereitschaft weckt, für das Wohl seiner Landsleute besondere Opfer auf sich zu nehmen. Anders als in vergangenen Zeiten gibt es nicht mehr das große Feindsystem, von dem man sich abheben möchte und gegen das man zusammensteht. So entfällt der Faktor Feindbild zur Definition der deutschen Identität. Denjenigen Werten aber, kraft derer sich die Bundesrepublik positiv definiert (Demokratie, Rechtsstaat, Sozialstaat) fehlt es an spezifischer Identität stiftender Exklusivität. Erkennbar zu Tage tritt diese Entwicklung durch das Phänomen des brain drains. Dieses dokumentiert, dass Deutschlands zukünftige geistige Spitzen nicht bereit sind, Verantwortung im und für das Heimatland zu übernehmen, sondern sich aus dem Staub machen, weil die Perspektiven andernorts besser sind. 

Darüber hinaus ist die junge Generation im Gegensatz zu ihren Eltern weitgehend unpolitisch. Politisches Engagement wird als schmutziges Geschäft empfunden und nicht als Möglichkeit, den vorhandenen Wunsch „Gutes zu tun“, umzusetzen. Bestätigt wird dieser Eindruck sicherlich im Erscheinungsbild der Parteien, die häufig mehr als Bühne zum Ausleben des persönlichen Machthungers als als Keimzelle zukunftsweisender Visionen erscheinen. Im Ergebnis führt dies jedoch dazu, dass zum einen weiterhin die Älteren in der Politik den Ton angeben. Zum anderen rekrutiert sich die nachwachsende Generation von Politikern aus denjenigen, die sich in die bestehenden Strukturen einfügen und nicht durch das Üben von Kritik oder übermäßigen Mut zur Veränderung angeeckt sind. 

Alles in allem führt dies zu dem Schluss, dass sich die junge Generation als solche momentan den unweigerlich auf sie zukommenden Problemen weder stellt noch dazu bereit zu sein scheint. Nichts desto trotz werden die Herausforderungen nicht von selbst wieder verschwinden. 

Anlass genug also, gemeinsam über dieses Thema nachzudenken und zu diskutieren.


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