Ich muss nur die Augen aufmachen, um zu sehen.
Wenn ich heute in die kleine Klosterkirche in unserer Schule gehe und in den Altarraum schaue, sehe ich sie wieder vor mir:
Die kleine Mauer aus Steinen, geschmückt mit vielen Kerzen, deren Licht die braune Farbe der Steine und die roten und gelben Tücher besonders warm und einladend wirken lässt. Ich habe auch wieder den vielstimmigen Gesang im Ohr, der im Gewölbe wiederhallt und sehe vor mir die vielen, die lange nach dem Gebet noch geblieben sind um sich auszutauschen und zu erzählen, während andere still in der Kirche verharren, bleiben, kniend oder sitzend, betend.
Erst im Nachhinein wird mir mehr und mehr bewusste, wie beeindruckend und wunderschön unser Taizé- Gebet am 14. April 2005 in der Klosterkirche St.Michael in Paderborn gewesen ist.
Vorher stand allerdings zunächst vor allem einmal eines: Ein riesengroßer Berg an Planungsarbeit.
Wann und wo soll das Gebet stattfinden? Was brauchen wir für die „Deko“ und wo bekommen wir das her? Wie viele Kerzen und Liederzettel müssen organisiert werden, welche Lieder wollen wir überhaupt singen, wer plant die Texte, wer liest sie vor, wen sollen wir für die Öffentlichkeitsarbeit informieren – eben hunderterlei solcher Dinge, manchmal nur Kleinigkeiten, aber immer wichtig!
Ich will auch jetzt im Nachhinein nichts „schönreden“, nicht verhehlen, dass es stressig war und ein Haufen Arbeit, dass es Pannen gab und man von Zeit zur Zeit nicht mehr wusste, wo einem der Kopf stand – speziell da ja alles quasi so „nebenbei“ laufen musste, parallel zu all den Dingen, die im Alltag sowieso schon „einfach so“ funktionieren sollen.
Vor allem die unkalkulierbare Anzahl der Besucher hat mir persönlich im Vorhinein schwer zu schaffen gemacht – würden 30 oder 300 kommen, oder würde unser kleiner Vorbereitungskreis doch ganz allein da sitzen mit dem Gast aus Taizé?
Fast tat es mir schon Leid, dass ich einfach so zugesagt hatte – was, wenn das alles nicht werden würde?
Als ich am Abend des 14. April um kurz vor 19 Uhr in der kleinen Kirche nach vorne trat um die Begrüßung zu sprechen, hatte sich zumindest die Befürchtung, dass niemand kommen würde, als unbegründet erwiesen. Doch so viel konnte immer noch schief gehen: Wir waren zu fünft verantwortlich für die Texte und die gesamte musikalische Begleitung – da bleibt die Anspannung.
Erst als Frère Andreas kurz vor Ende des Gebetes nach vorn trat und auf unsere Bitte hin ein paar Worte sagte, aus dem Jahresbrief Frère Rogers vorlas, von Taizé sprach, vom Café Oyak und warmen Sommernächten voller Lachen, fiel mir zum ersten Mal an diesem Abend auf, dass eigentlich alles gut gegangen war. Dass wir nicht ganz alleine in dieser Kirche saßen, sondern mit gut hundert Menschen, von denen wir kaum jemanden kannten, eine wunderschöne gemeinsame Stunde im Gebet verbracht hatten.
So alleine, wie ich befürchtet hatte, sind wir gar nicht unterwegs!
Erst im Rückblick und ohne all die Anspannung wird mit das Geschenk dieser Erfahrung mehr und mehr bewusst:
Auch schon in der Planungs- und Vorbereitungsphase hatten wir so viel Unterstützung von außen erfahren; waren so viele zur Mithilfe bereit gewesen. Hatten sich so viele Türen, manchmal auch sehr unerwartet, für uns geöffnet:
Da waren zum Beispiel die Schwestern vom Orden der Augustiner Chorfrauen bei uns in Paderborn, die uns wie selbstverständlich die Nutzung ihrer Kirche zusagten, uns Räume in der angrenzenden Schule für das anschließende Treffen zur Verfügung stellten, auch die Nutzung der Schulküche und des Geschirrs für einige kleine Erfrischungen anboten, die Werbung für unser Gebet auch auf der Klosterhomepage ermöglichten – ja, die Schwestern verlegten sogar ihr Abendgebet für uns, einfach, damit wir früh genug in die Kirche konnten.
Da war außerdem der Chor einer Nachbargemeinde, der auch in der eigenen Gemeinde schon einige Gottesdienste mit Taizé- Liedern gestaltet hatte und dessen Mitglieder sich gerne für eine Sonder- Probe mit uns InstrumentalistInnen bereit fanden und uns während des Gebets mit großartigem stimmlichen Können unterstützte.
Auch fanden sich Nachbargemeinden, die von eigenen Taizé- Gebeten z.B. noch große Hohlziegel zur Gestaltung des Altarraumes hatten, die uns fraglos zur Verfügung gestellt wurden.
Es waren auch nach dem Gebet nicht wenige, von denen freundliche, manchmal begeisterte Rückmeldungen kamen und mit dem ein oder anderen bleibt der Kontakt bestehen, man plant, einmal wieder „so etwas“ gemeinsam zu organisieren oder vielleicht bei der nächsten Fahrt nach Taizé zusammen im Bus zu sitzen.
Ein Stück weit war diese Stunde in „unserer“ Kirche und die anschließenden Gespräche für mich so etwas wie „Pause vom Alltag“; für eine kurze Zeit waren alle Probleme und Ärgernisse so weit weg und irgendwie war ich in einer anderen Welt - andererseits habe ich gerade im Alltag erfahren, dass man manchmal nur einen Anlass braucht um herauszufinden, mit wie vielen man gemeinsam unter- WEGs ist.
Die Erfahrung vom gemeinsamen Weg im Geist Gottes, die mir in Taizé immer so einfach, so selbstverständlich erscheint, ist vom Alltag nicht so weit entfernt, wie ich manchmal denke.
Ich muss nur die Augen aufmachen, um sie zu sehen.
