„A Festa de Jesus“ – ein Fest für alle Benachteiligten
In den letzten Wochen sind mit den Kindern und Jugendlichen aus dem Viertel
St. Terezinha/ Alagoinhas/ Brasilien, in dem auch die Brüder von Taizé leben, viele traurige Dinge geschehen, die mich persönlich sehr betroffen gemacht haben. Diese Dinge nagen an mir, sie machen müde und rauben die Kraft, sich am nächsten Tag WIEDER für Werte einzusetzen, die lebenswichtig erscheinen, wie: zu schlagen ist nicht normal; das Leben ist nicht nur Verteidigung, sondern es gibt Menschen, die mich mögen und in den Arm nehmen, die mir zuhören und die mich ernst nehmen; ich werde auch noch gemocht, wenn ich einen Fehler gemacht habe; Konflikte muessen nicht zwingend durch Schlaege geloest werden, sondern es besteht auch die Moeglichkeit, sich zu unterhalten; es gibt Schwaechere als mich, die meine Hilfe brauchen; das Leben hat positive Aspekte; ich bin wichtig und ich kann Dinge verändern, ich kann etwas dazu beitragen, dass das Leben schöner wird; wir können alle zusammen friedlich, zufrieden und fröhlich einen schönen Tag verbringen und ein tolles Fest feiern.
Am 4. August 2002 feierten wir bei den Brüdern in Alagoinhas solch ein Fest, bei dem jeder wichtig und involviert war und dazu beitrug, gemeinsam einen friedlichen, fröhlichen und schönen Tag zu verbringen: „A Festa de Jesus“
Alle Menschen mit Behinderungen werden mit ihren Angehörigen schon Wochen vorher zu diesem Fest eingeladen. In diesem Jahr sind es gut 2500 Personen, die aus Alagoinhas und den umliegenden Städten, bis hin zu Salvador, der Einladung folgen und von morgens 8.00 Uhr bis nachmittags um 15.30 Uhr zusammen feiern.
Obwohl die Leute sehr anspruchslos sind, ist es doch eine Herausforderung, alle zumindest entsprechend zu empfangen, zu verpflegen, zu umsorgen und ein Programm mit ihnen zu gestalten.
Für mich, Petra, und alle anderen Helfer beginnt das Programm um 6.30 Uhr. So früh kommen die gut 200 Kinder der Brincadeira (Nachmittagstreff für die Kinder und Jugendlichen aus dem Viertel), die von Elisabeth, Silke und mir, dem Schilderteam, ein Umhängeschild mit unterschiedlichen Aufschriften erhalten, wie: „Kann ich Ihnen helfen?“ oder „Herzlich Willkommen!“ oder „Bitte rutschen Sie enger zusammen!“ oder „Ein Glas Wasser?“
Die Kinder haben großen Spaß daran, die Schilder in der Woche zuvor zu bemalen, zu bekleben und zu beschriften. Ernsthaft werden den Kindern am Tag vor dem Fest dann ihre Aufgaben zugewiesen und erklärt, und ganz bestimmt führen sie diese zu Beginn des Festes auch sehr ernsthaft aus. Aber selbst, wenn schon vorher klar ist, dass bei allen nach spätestens einer Stunde der Geduldsfaden reißt: die Kinder werden auf diese Weise an diesem Tag durch ihre wichtige Aufgabe mit involviert, so dass die „Festa de Jesus“ tatsächlich auch zu ihrem Fest wird.
Eineinhalb Stunden später, immer noch Schilder an die Nachzügler der „Brincadeirakinder“ verteilend, betrachte ich staunend den nicht abreißenden Menschenstrom, der zur Messe durch den Eingangsbereich drängt. Von vielen, die ich in meinem halben Jahr in Taizé/Alagoinhas bereits einmal getroffen habe, werde ich überschwenglich begrüßt, auch wenn es mir selber schwer fällt, die vielen Gesichter zuzuordnen. Alle scheinen guter Laune und warten geduldig in der Schlange, die immer länger und länger zu werden scheint, denn nun fährt ein Bus nach dem anderen vor. Die Körbe, in die jeder seinen Anteil zum Fest hineinlegen darf, füllen sich auf wundersame Weise immer von Neuem mit Ananas, Melonen, Papayas und Reis.
Wie in den zwei Jahren zuvor finden während der Messe nicht alle Personen in der Kirche Platz. Einige hören von draußen zu, der Grossteil verteilt sich schon einmal auf dem großen Gelände vor der Bühne, das normalerweise der Brincadeira dient und mir heute sehr klein erscheint.
Da ich mich mit „meinem“ Chor nach der Messe vor der Kirche verabredet habe und alle fünf Minuten eins der Kinder schreiend angelaufen kommt mit der (Fehl) -information: „Die Messe ist vorbei! Die Messe ist vorbei! Los, wir müssen singen!“, mag ich dort nicht einfach weggehen um mich auszuruhen. Wir warten also so lange, bis es von den Kindern keins mehr aushält, alle verschwinden und ich schon befürchte, die offizielle und eigens für diesen Tag komponierte „Hymne der Festa de Jesus“ alleine singen zu müssen. Das allerdings wäre sehr schwierig geworden, denn auf Grund der drei vorherigen Chorproben mit den normalerweise bei der Brincadeira fussballspielenden Mädchen bin ich zu heiser dazu.
Auf brasilianische Art und Weise treffen wir uns letztlich alle zum richtigen Zeitpunkt (glücklich? zufällig?) ungeplant vor der Bühne. Auf brasilianische Art und Weise singen wir auf der Bühne auch nicht nur unsere Hymne, sondern noch zwei andere, den Kindern glücklicheweise nicht unbekannte Lieder, und streiten uns um die Mikrofone: Die Kinder schreien von ganz nahe herein, (alle würden gerne ein Solo singen) ich versuche die Mikros wieder auf alle zu verteilen. Die Kinder haben viel Spaß dabei und ich auch, denn so einen hoffnungslos verrückten, ausgelassenen und fröhlichen Chor habe ich noch nie erlebt. Außerdem erhebt hier niemand den Anspruch auf perfekte Aufführungen. Es geht tatsächlich nur ums Vergnügen. Ich hoffe nur, es hat niemand unter unserem Gesang gelitten.
Bis zum Mittagessen um 13.00 Uhr finden viele Aufführungen statt, vom Theater der Jugendlichen mit dem Titel „Das Ziel ist: Hoffnung“ über weitere Chöre, Reden, Akkordeonspieler, Jazzdance, bis zu den berühmten und wunderschönen Quadrillas des São João Festes.
Die wenigsten Aufführungen bekomme ich mit, denn die Leute haben Fragen zum Programm, wollen ihrem Kind irgendwo die Windeln wechseln, wollen sich irgendwo hinlegen, haben Fragen zur der bei den Brüdern angegliederten Gehwehrlosenschule, in der ich während meines halben Jahres hier arbeite, suchen diesen oder jenen, brauchen noch Mitfahrgelegenheiten für die Heimfahrt oder wollen einfach mit mir quatschen. Ich schüttle Hände, rede viel, stelle vor, flitze hin und her und blicke in lauter fröhliche, lachende und das Programm bestaunende Gesichter.
Geplant ist, dass sich die gute Stimmung während des Mittagessens nicht ändert, obwohl angesichts von 2300 mittlerweile hungrigen Personen Zweifel in mir aufsteigen, wie ein solcher Ansturm wohl zu bewältigen ist. Wer jedoch Taizé kennt, kennt die unglaublich großen Töpfe, Rührlöffel und Safteimer sowie vor allem die organisierten langen Schlangen. Mit der Hilfe einiger „Schlangenbetreuer“ kommen diese auch hier zu Stande. Hinzu kommen hier in Taizé/ Alagoinhas eine Handvoll nicht aus der Ruhe zu bringender bahaianischer Köchinnen, die es verstehen, Reis, Feijão (schwarze Bohnen) und Farofa (Mandjoca-mehl) mit Fleisch selbst für so viele Menschen geschmackvoll her zu stellen.
Vier Essensausgabestellen sind für das „Festa de Jesus“ geplant. Nach kurzer Zeit ist jedoch klar, dass sie nicht reichen werden. Selbst für den besten „Schlangenbetreuer“ ist irgendwo ein Ende seiner Möglichkeiten erreicht. Also werden noch zwei Ausgabestellen eröffnet. Ich schnappe mir drei der älteren Jungs der Brincadeira, die mich überraschenderweise ernst nehmen und sich sofort aufmachen, um mit mir zusammen Reis, Feijão, Farofa und Saft heranzuschleppen und zu verteilen. Zwar muß ich abends wieder Dankesküßchen auf die Wangen verteilen und mit ihnen schäkern, aber immerhin haben wir heute auch eine halbe Stunde lang auf für mich normale Art und Weise miteinander kommuniziert.
Nach dem Mittagessen geht das Bühnenprogramm weiter. Ich gönne mir eine Pause, lege mich auf einen Tisch, schließe die Augen und genieße die Sonne und den Schatten unter den Palmen, den leichten Wind und die Stimmen der Menschen um mich herum. Dann geselle ich mich zur Gruppe der Blinden unserer Schule, begrüße sie alle und versichere Ihnen, dass sie fantastisch gesungen haben. Dabei blicke ich in etwas müde, aber zufriedene und fröhliche Gesichter. Ich sehe wohl genauso aus? Endlich habe ich auch Zeit für einen Schwatz mit den vielen Brincadeirakindern, die mir heute noch ausgelassener als sonst bei der Brincadeira erscheinen. Es ist ja auch ein besonderer Tag!
Ich bemerke gar nicht, wie sich der Platz langsam leert, das Bühnenprogramm langsam ausklingt. Tatsächlich, es ist schon 15.30 Uhr und es ist Zeit, sich zu verabschieden. Mit den Jugendlichen aus dem Viertel, die bereits den ganzen Tag über mitgeholfen haben, räumen wir schließlich auf.
Am Ende dieses Tages bin ich sehr müde und sehr zufrieden. Ich habe niemanden schlagen und niemanden schreien sehen. Statt dessen habe ich viel Geduld gesehen und viele glückliche Gesichter. Ich habe große Hilfsbereitschaft erfahren und mir ist nur Freundlichkeit entgegengebracht worden.
Rückblickend wirkt der Tag auf mich wie ein Theaterstück, an dem ich mich selbst und alle anderen sich beteiligten. Der Titel des Stücks: „Das Ziel ist: Hoffnung“
Als ich in Alagoinhas ankam, waren die Vorbereitungen für die „Festa de Jesus“ schon längst in vollem Gange. Auf einige letzten Besuche in Schulen und Gemeinschaften, die sich um Benachteiligte kümmern, konnte ich noch mitkommen; und es war schön zu sehen mit welcher Freude die Einladungen zur „Festa de Jesus“ entgegengenommen wurden, mit welchem Eifer schon Busse, Wege und Vorführungen geplant waren.
Ein Fest für alle Benachteiligten… Die Kinder des täglichen Kindertreffs wurden nicht müde, sich auf dieses Fest vorzubereiten, riefen sich immer wieder die biblische Geschichte ins Gedächtnis, die hinter dem Fest steht und überlegten sich, wer aus ihrem Umfeld zu den Eingeladenen gehört: Blinde, Gehörlose, Gehbehinderte, Menschen mit geistigen Schwächen, Alte, Vergessene… In der Realität, in der diese Kinder leben, fiel es keinem schwer, sofort einige Namen von Menschen, die eingeladen werden sollten, aufzuzählen.
Weit über 50 Kinder aus dem Bairro waren schon Tage vorher damit beschäftigt, sich auf ihre Aufgaben für den Tag des Festes vorzubereiten und in den letzten Tagen wurden immer emsiger Schilder bemalt, trommelte die Band immer eifriger und der Chor, der sich auf seinen Auftritt vorbereitete, sang immer lauter.
Am Sonntag, den 4. August, fing der Tag für alle Helfer früh an. Doch als um 6.30 Uhr die Kinder unerwartet pünktlich eintrudelten, um sich ihre Umhängeschilder abzuholen, war die Müdigkeit schnell verflogen. Nach einigem Durcheinander und Gedrängel der Kinder, hatte fast jeder bis zum Beginn der Messe sein Schild, auf dem die jeweilige Aufgabe des Kindes sichtbar war.
Am Eingangstor zu stehen und die Kinder und alle Eingeladenen zu empfangen war eine schöne Aufgabe: Geduldig reihten sich die Menschen in die immer länger werdende Schlange, die über anderthalb Stunden nicht abzureißen schien. Immer mehr Busse kamen an, immer mehr Rollstühle wurden hereingeschoben, Blinde durch das Tor geführt, alte Menschen wurden gestützt und fröhlich gestikulierende Gehörlose trafen einander.
Bei diesem Ansturm konnte leider selbst das Arbeitsteam der Kirche, das versuchte, die Leute enger zusammenzusetzen, nichts mehr ausrichten und so hörten einige von außen den Gesaengen der Messe zu.
Auf dem Gelände des täglichen Kindertreffs fanden danach jedoch alle Platz und freuten sich an den vielen Vorführungen, Liedern und Tänzen, die für diesen Tag vorbereitet wurden. Da sah man blinde Capoeira-Tänzer, ein Theaterstück des „Clubs der sprechenden Hände“ (Gehörlose), ein Chor von blinden Menschen, Kinder des Kindertreffs, die sangen und trommelten und mit ihrer fröhlichen Laune alle ansteckten.
Für mich war es wieder einmal faszinierend, mit welcher Offenheit die Menschen hier aufeinander zugehen, sich die verschiedensten Gruppen aus unterschiedlichen Städten treffen, austauschen und gemeinsam ein so fröhliches Fest feiern, als würde man sich schon immer kennen. Blinde unterhalten sich mit Gehörlosen, indem Hände und Gesten befühlt werden, alte Frauen kümmern sich um weinende Kinder, damit sich die Mütter etwas unterhalten können, und die Kinder, die ich schon oft wütend oder aggressiv erlebt habe, helfen voller Eifer mit, Töpfe zu schleppen, Müll aufzusammeln und freuen sich richtig, eine wichtige Aufgabe zu haben.
Bei all den Menschen, den vielen Gesichtern, den Aufführungen, dem Essen und Reden vergeht der Nachmittag viel zu schnell. Schon fahren die ersten Busse der weiter entfernten Städte wieder ab und die Leute beginnen, sich zu verabschieden. Viele Hände werden geschüttelt, man wird von vielen in den Arm genommen die sich aufs herzlichste bedanken.
Derselbe Menschenstrom verläßt jetzt wieder die Gemeinschaft, auf den Gesichtern ein zufriedenes Lachen, manche summen noch die Melodie der Hymne, die der Chor eigens für diesen Tag geübt hat: „Heute ist ein Tag des Lobpreises und des Lichts, kommt alle meine Brüder zur Festa de Jesus. Heute gibt es keine Blindheit und keine Taubheit und keine Behinderungen; alle sind vollkommen, alle werden zu Brüdern.“
Das Gelände erscheint auf einmal sehr leer, nachdem sich schließlich alle auf den Heimweg gemacht haben. Aber es scheint doch eine besondere Freude, eine besondere Zufriedenheit bei allen Helfen über dieses gelungene Fest geblieben zu sein. Tatsächlich konnte man an diesem Tag den Zusammenhalt zwischen den Menschen spüren, die so oft vergessen werden und am Rand der Gesellschaft leben, den Zusammenhalt derer, die sich um diese Menschen kümmern und die Freude, mit der diese Aufgabe verbunden ist.
Petra und Silke (Cecilia) aus Deutschland, derzeit in Brasilien
