Wenn ich noch einmal die Möglichkeit bekommen sollte…

Meine Familie ist rein atheistisch und hat viele Vorurteile gegenüber der Kirche, und weil ich nicht auch so antichristlich durch das Leben gehen will und viele christliche Freunde habe, bin ich nach Taizé gekommen.

Ich muss zugeben, dass ich nicht so richtig wusste, was ich mir unter Taizé vorstellen sollte. Mir wurde erzählt, dass es ein französisches Kloster mit einfacher Lebensart ist. Dass uns dann, kaum in Taizé angekommen, gleich Arbeit zugeteilt wurde, hatte nicht unbedingt dazu beigetragen die Stimmung nach der Busfahrt zu heben. Auch so dachte ich, als wir unsere vorläufigen Quartiere sahen: Das kann ja heiter werden. Meine Begeisterung hielt sich also ziemlich in Grenzen. 

Es war einfach alles so unbekannt und fremd, z. B. das einfache Essen unter freiem Himmel und die dreimaligen Gebete am Tag. In der ersten Andacht, die ich mitgemacht habe, fiel es mir sehr schwer, ruhig zu sitzen, und die Luft war viel zu trocken. Bei der zweiten Andacht hatte ich mich dann schon fast daran gewöhnt und war von dem schönen Klang aufrichtig begeistert. Allerdings habe ich nie richtig bewusst gebetet. Ich habe zwar immer mitgesungen doch während der Zeit der Stille habe ich meine Gedanken schweifen lassen und geordnet. Wie man richtig betet, weiss ich nicht. Auch hieß es immer: Lasst uns zusammen singen! und nicht: Lasst uns beten! Ich finde, das ist wirklich wichtig für Menschen, die bisher keinen weiteren Kontakt mit der Kirche und dem Christentum hatten. Am feierlichsten in den Andachten fand ich es immer, wenn Frère Roger gesprochen hat. Es ist einfach unglaublich was für eine Ruhe und Güte ein Mensch ausstrahlen kann. Wenn er gesprochen hat, bilde ich mir ein, war in der Kirche mehr Ruhe, als während der Stille.

Die Treffen am Vormittag und am Nachmittag mit den Brüdern der Communauté habe ich eigentlich nicht wirklich für Bibeleinführungen gehalten, weil es in den Texten, die wir uns angeschaut haben, um alltägliche Probleme ging. Am meisten hat mir an Taizé die offene und freundliche Atmosphäre gefallen, nach der man anderswo lange suchen muss und oft doch nicht findet. Hier konnte ich mit Menschen, die ich noch nie zuvor gesehen hatte, über Probleme reden, über die ich sonst lieber geschwiegen habe, weil sie nicht für voll genommen wurden. Ich habe auch Anregungen zu Bewältigung dieser Probleme mit nach Hause genommen. 

In Taizé hat man ganz selbstverständlich die Arbeiten erfüllt, die einem zugewiesen worden sind, obwohl man sich zu Hause davor am Liebsten gedrückt hätte, wie zum Beispiel jeden Morgen abzuwaschen. Dabei kam man ganz ungezwungen mit anderen Menschen ins Gespräch. Ich muss sagen, dass ich mir oft gar nicht wie in einem Kloster vorkam. Die Brüder, mit denen wir am meisten Kontakt hatten, sind uns wie Gleichgesinnte gegenübergetreten und nicht so überlegen, wie ich mir das vorgestellt hatte. Auch wundere ich mich darüber, dass viele Brüder noch ziemlich jung aussehen. Da fragt man sich ja doch, was junge Männer bewegt hat in ein Kloster einzutreten. 

Ich wäre gerne noch länger in Taizé geblieben, denn ich hatte mich an das ruhige und besinnliche Leben gewöhnt und fürchtete mich fast ein bisschen vor dem hektischen Alltag zu Hause. Dort wurde ich wieder so empfangen, wie ich es erwartet hatte: Von allen Seiten kamen Spötteleien. Niemand hat wirklich versucht, meine Gedanken und Gefühle nach dieser Woche zu verstehen. Meine Mutter schaute mich an wie einen fremden Menschen, weil sie anscheinend nicht glauben konnte, dass mir der Aufenthalt in Taizé gefallen hat, und kam wieder mit ihren Vorurteilen von wegen Gehirnwäsche und so. Sogar meine kleine Schwester hat die Hände gefaltet und gefragt, ob wir den ganzen Tag so gebetet haben. Dieses Unverständnis aus der eigenen Familie machte mir nach Taizé besonders zu schaffen.

Die Woche war einfach unbeschreiblich schön und auch lehrreich, was den Umgang mit anderen, fremden Menschen angeht. Allgemein würde ich aber sagen, dass man Taizé nicht beschreiben kann, man muss Taizé erleben!

Wenn ich noch einmal die Möglichkeit bekommen sollte, nach Taizé zu kommen, werde ich diese Chance auf alle Fälle zu nutzen versuchen, auch wenn meine Mutter jetzt schon sagt, dass sie mich wahrscheinlich nicht noch einmal fahren lässt. Auch bei uns, in der St. Michaels-Gemeinde in Neubrandenburg, gibt es einmal im Monat eine Taizé-Andacht, die ich jetzt regelmäßig besuchen möchte.

Kathrin, Mecklenburg-Vorpommern


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