Warum sind wir wichtig für Deutschland?
Eine Frage von Bedeutung… meint Verena bei der Rückkehr aus Taizé
„Warum sind wir wichtig für Deutschland?“ fragte ein Bruder während eines Regionaltreffens in die Runde junger Leute, die an diesem Nachmittag zum Gespräch zusammengekommen waren. Stille, Grübeln…
Eine Frage, die weder ich mir noch – nehme ich an – einer der anderen Jugendlichen sich bis zu diesem Zeitpunkt jemals gestellt hatte. Und doch eine Frage von Bedeutung…
„Warum sind wir wichtig für Deutschland?“
Was macht einen jungen Menschen, der gerne nach Taizé kommt und für den sein Glaube nicht nur auf dem Papier existiert, so wichtig für ein Land mit einer demokratischen Verfassung? Ein Land, in dem ein friedliches Zusammenleben der Menschen durch Regeln und Gesetze doch bestens organisiert ist?
Aber reicht das tatsächlich aus?
Ich denke, um eine Antwort auf diese Frage zu erhalten, müssen wir einmal in uns selbst hineinhören:
Was sind meine alltäglichen Wünsche, Bedürfnisse und Erfahrungen im täglichen Zusammenleben mit meinen Mitmenschen? Sind es nicht ganz grundlegende Dinge wie Akzeptanz, Toleranz, Aufmerksamkeit zu erhalten, angenommen zu werden, so wie wir sind? Das Gefühl der Gemeinschaft und der Zugehörigkeit zu erleben?
Ich komme seit Jahren nach Taizé. Jeder Aufenthalt ist anders; einzigartig in sich und auch immer abhängig von der Lebenssituation, in der ich mich gerade befinde. Die prägendste Erfahrung, die ich für mein Leben gemacht habe, liegt in den Menschen, denen ich hier begegne. Menschen, die mir immer wieder auf vielfältige Art und Weise das Gefühl geben vorurteilslos angenommen und geliebt zu sein – so wie ich bin. So wie Gott mich in diese Welt gestellt hat. Ich brauche keine Maske aufzusetzen und eine Rolle zu spielen, in der ich mich völlig unwohl fühle, nur um den Ansprüchen anderer gerecht zu werden. Ich finde es wunderschön und unheimlich spannend, wie viele verschiedenen Gesichter die Liebe Gottes hat, die er mich durch so viele Menschen immer wieder auf ’s Neue spüren lässt. Und, es ist ein unglaublich großes Geschenk zu spüren, wie diese Liebe wiederum mich fähig macht anderen Menschen mit Liebe zu begegnen.
Diese Liebe ist es letztendlich, die Raum schafft für neues: für Gemeinschaft, Akzeptanz und Verständnis untereinander – nicht nur in Taizé, sondern weit darüber hinaus.
„Wir sind wichtig für Deutschland“ ! Wir können etwas bewegen – und nicht nur in Deutschland, sondern auch in Europa, ja in der Welt, indem wir das was wir in den Begegnungen mit Menschen in Taizé erfahren dürfen, weitertragen. Weitertragen nach Hause in unseren Alltag.
Um Gemeinschaft unter den Menschen zu schaffen reicht es nicht aus politische Abkommen zu schließen und Grenzen zwischen den Ländern zu öffnen. Vielmehr braucht es Menschen, die bereit sind den ersten Schritt zu tun, sich anderen zu öffnen, Grenzen zwischen Menschen zu überschreiten. Menschen, die bereit sind neue Wege zu gehen.
Wir müssen mit offenen Augen, offenen Ohren, offenen Händen und, vor allem, einem offenen Herzen aufeinander zugehen.
Antoine de Saint-Exupéry schrieb so treffend: “Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.”
Jeden Tag bei meiner Arbeit komme ich in Kontakt mit Menschen aller sozialer Schichten und aller Herren Länder. Dabei erlebe ich nicht selten, wie Menschen mit Vorurteilen begegnet wird; sei es aufgrund ihrer Herkunft, ihrer sozialen Verhältnisse oder einfach, weil sie der Landessprache nicht mächtig sind.
Das was aber alles hinter einem einzelnen Menschen steht, was seine Persönlichkeit ausmacht und ihn geprägt hat: seine Lebensgeschichte, Erfahrungen, Erlebnisse und auch Ängste erscheint nebensächlich – fern jeglichen Interesses. Wie bilden uns eine Meinung und fällen Urteile ohne die wirklichen (Hinter-) Gründe für vieles zu kennen, was einen Menschen zu dem macht, was er ist! Es macht mich manchmal traurig zu sehen, wie wir so selbst Grenzen untereinander ziehen, anstatt Brücken zueinander zu bauen.
Auch unsere Politiker machen jeden Tag große Worte, um Frieden und Gemeinschaft unter den Nationen zu schaffen. Sie treffen Entscheidungen, die sich letztendlich auf die Menschen auswirken, die in ihren Ländern leben? Wo bleibt manchmal neben den wirtschaftlichen Interessen, das ehrliche Interesse an den Menschen für die sie verantwortlich sind? Verständigung besteht auch hier schnell nur aus Worten und einem aufgesetzten Lächeln.
Ländergrenzen werden geöffnet, aber Grenzen zwischen den Menschen bleiben bestehen…
Selbst wenn ich sämtliche Sprachen dieser Welt spräche, wie könnte ich einen Menschen verstehen, wenn ich es nicht mit meinem Herzen tue? Wie, wenn ich nicht bereit bin mich ganz auf einen Menschen einzulassen und auf all das, was er in unsere Begegnung mit hineinbringt – seine Persönlichkeit und seine Geschichte?
Um einander wirklich verstehen zu können brauchen wir keine Worte. Verstehen bedeutet jemanden so annehmen wie er ist. Ihn als „Ganzes“ wahrzunehmen und offen zu sein ihm gegenüber. Dazu reichen kleine Gesten, ein Lächeln, … die ehrlich, aus vollem Herzen kommen; denn auch viele gute Worte sind leere Worte, wenn sie nicht von innen heraus gesprochen werden!
Wir, als Christen haben ganz besonders die Aufgabe, das was unseren Glauben ausmacht zu leben – das heißt, allen Menschen offen zu begegnen und sie zu achten. Dennoch kenne ich mehr Menschen, die keinerlei Verbindung zum christlichen Glauben, oder irgendeiner andern Glaubensrichtung haben und doch leben sie ein Leben in sichtbarer, tätiger Nächstenliebe, bewegt durch ein tiefes, ehrliches Interesse an den Mitmenschen – mehr, als es ein Großteil bekennender Gläubiger tun würde.
Doch genau deshalb sind wir wichtig für Deutschland – und den Rest der Welt! Wagen Schritt! Gehen wir hinaus in den Alltag und leben, was wir in Taizé im Kleinen – durch die Liebe Gottes – erfahren und lassen es bei uns zu Hause im Alltag Wurzeln schlagen und wachsen: Akzeptanz, ehrliches Interesse, Verständnis, Toleranz, ein friedliches Zusammenleben und Gemeinschaft!
Verena
