Von Ostern zu Ostern
Als wir Ostern 2001 zum ersten Mal die Koffer packten, wußten wir nicht mehr, als daß wir in ein Kloster anderer Art fahren, von dem jeder, der wieder kam, begeistert war.
Anneke: Persönlich konnte ich noch nicht von einer Beziehung zu Gott oder einem festen Glauben sprechen. So kam ich also eher als Suchende in Taizé an. Was sich bis heute aber grundlegend geändert hat. Ich habe zum einen in der Gemeinschaft Gott gefunden. Wo sonst kann eine Gemeinschaft so friedlich und beinahe utopisch zusammenleben, wenn sie nicht den gemeinsamen Glauben an etwas hat bzw. das gleiche Ziel? Zum anderen fand ich meinen eigenen Glauben in den Gottesdiensten, da ich dort von der Gemeinschaft getragen wurde, aber auch in den stillen Gebeten meine eigene Beziehung zu Gott aufbauen konnte. Auf meine Art und Weise, so schnell und so tief wie ich es wollte und meinen eigenen Glauben entdeckte (in den Bibelgruppen bzw. Gesprächsgruppen), mußte ich feststellen, wie einfach es ist, Gott zu finden, wenn ich einfach zuhörte und in mich hineinhorchte. Am Ende der Woche mußte ich feststellen, daß ich aufgehört hatte zu suchen, da mein Grundstein gefunden war, den ich mit nach Hause genommen habe. Eigentlich kann ich grundlegend sagen, daß Gott für mich plötzlich greifbar war und nicht mehr etwas, was vielleicht irgendwie, irgendwo existiert.
Anna-Lena: Meine ersten Erfahrungen mit Gott habe ich schon als Kind gemacht, auf einer Kur in einem evangelischen Krankenhaus. Ich glaube eigentlich, seit ich denken kann. Deshalb bin ich auch immer gerne auf Kirchenfreizeiten gefahren, habe gebetet und versucht, Gott näher kennenzulernen. So bin ich dann nach Taizé gekommen. Die Erfahrungen, die ich dort gemacht habe, waren völlig neu für mich. In den Gottesdiensten habe ich die Anwesenheit Gottes sehr intensiv gespürt und mir ist klar geworden, daß die Liebe das wichtigste ist – im Glauben und im Leben. Das habe ich vorher nie so deutlich gespürt. Im Gebet bin ich Gott sehr nahe gekommen und mein Glaube hat sich in dieser einen Woche sehr verändert. Er ist lebendiger geworden und tiefer.
Mit einem Luftkoffer voller neuer Erfahrungen stellte sich für uns zu Hause die Frage, wie und wo die neuen Dinge im Alltag und Leben fernab von Utopia Platz finden sollten. Die erste umgesetzte Idee war ein Referat über Taizé im Religionsunterricht in der Schule. Da es uns zum einen wichtig war, die Stimmung mit rüberzubringen, versuchten wir, die Atmosphäre in einem abgedunkelten Raum mit Kerzen und Taizémusik wiederzugeben. Anschließend berichteten wir von der Gemeinschaft, dem Aufbau, der Geschichte, dem Wirken rund um den Globus und natürlich auch von unseren persönlichen Erfahrungen. So kam es, daß wir dieses Referat nicht nur einmal hielten, sondern gleich viermal in den Oberstufenkursen dazu aufgefordert wurden. Somit hatten wir es geschafft daß vier Leute von den ehemaligen Zuhörern dieses Jahr mit nach Taizé gekommen sind… Natürlich ist uns Taizé nicht nur so im Alltag erhalten, sondern jeder setzte seine eigenen Erfahrungen auch noch ganz persönlich um.
Anneke: Bestärkt von dem Gefühl, es hätte nach zehn Mal anrufen endlich jemand den Telefonhörer abgenommen und gesagt: „Hallo, da bin ich für dich!“, suchte ich auch zu Hause nach Gott, indem ich mich immer wieder zur Ruhe setzte, betete und dabei Kerzen anzündete und Musik hörte. So ist mir immer noch die Beziehung erhalten geblieben, die ich hier gefunden hatte. Vielleicht war es auch so, daß ich dadurch einen wichtigen Teil von mir selbst gefunden habe. Denn ich habe in den Monaten nach meinem Aufenthalt immer wieder zu hören bekommen, ich sei viel offener und entspannter geworden. So haben sich für mich auch viele Freundschaften verändert und einige sind sogar sehr viel intensiver geworden, da ich angefangen habe zu geben von mir ganz persönlich und oftmals bekomme ich auch das selbe zurück. Am meisten habe ich jedoch gespürt, daß Gott an meiner Seite ist, wenn ich etwas brauche, was mir hilft, meinen Weg zu finden und dafür zum Teil wichtige Entscheidungen zu treffen. Da konnte ich bisher überall einen Gewinn daraus ziehen und auch in schwierigen Momenten immer spüren, daß Gott an meiner Seite ist und ich anderen bedürftigen Menschen diese Kraft weitergeben kann, indem ich nicht nur immer mit dem Kopf denke, sondern mit meiner Seele oder dem Herzen. Jedoch muß ich sagen, daß es für mich schwer war, die passenden Worte für meine Erfahrungen und Gefühle zu finden.
Anna-Lena: Der Taizé-Aufenthalt hat mir viel gebracht. Nicht nur mein Glaube, sondern auch ich habe mich verändert. Das Wochenthema war damals „Glück“. In den Gesprächsgruppen und im Gebet habe ich viel darüber nachgedacht. Mir ist bewußt geworden, daß Glück nicht zufällig passiert, sondern auch entscheidend von uns selbst abhängt. Von den Beziehungen, die wir führen, den Einstellungen, die wir haben, und besonders von der Art, mit der wir anderen und auch negativen Dingen begegnen. Seitdem bin ich fröhlicher und auch vertrauensvoller. Ich bin mir sicher, daß alles was mir geschieht, einen Sinn hat, und Gott nur Gutes für mich will. Außerdem habe ich gelernt, geduldiger und liebevoller zu anderen Menschen zu sein. Ich bemühe mich, sie zu tolerieren und ihnen zuzuhören, auch wenn sie mir nicht sympathisch sind. An Taizé hat mich manchmal eine Kassette mit den Gesängen erinnert. Das ist immer sehr schön gewesen. Einmal sind wir auch zu einem Gottesdienst gefahren, der zwar eine Stunde entfernt stattfand, sich aber wirklich gelohnt hat. Dieses Jahr möchte ich unbedingt zum Europäischen Jugendtreffen nach Paris fahren. Wir waren sicher nicht das letzte Mal in Taizé.
