Nicht ein Ort, an dem man die Antworten auf alle Fragen findet, der aber hilft die richtigen Fragen zu stellen

Bereits wenn ich das Wort „Taizé“ höre, erscheinen mir Bilder von einem kleinen verträumten Dörfchen inmitten Frankreichs mit Fluren und Feldern, einer riesigen Kirche und harmonischen Andachten mit endlosen Gesängen. Ich durfte dieses Jahr zum zweiten mal diese Reise machen und es gefiel mir erneut – ich hatte es auch nicht anders erwartet – sehr gut. Was hat dieser Ort nur an sich, dass so viele Menschen und vor allem Jugendliche freiwillig in Scharen dorthin strömen, um ihre Lager aufzubauen oder schlichte Baracken zu bewohnen, sich mit einfachem Essen zu begnügen, Arbeiten zu verrichten und mehrmals täglich an Andachten oder christlich-spirituellen Diskussionen teilzunehmen? Für mich ist es ein Ort der Ruhe und Harmonie und ich denke, andere Leute sehen es genau so. Man muss auch nicht tief religiös sein, um sich wohl zu fühlen, man kann einfach für eine Zeit lang den Stress und den Tumult um sich herum vergessen, um zu sich selbst zu finden und ausgeglichener zu werden. Auch dadurch, dass so viele „verschiedene“ Leute aus anderen Ländern und Kulturkreisen dort sind, erkennt man schnell, wir ähnlich wir uns trotz aller scheinbaren Unterschiede sind, sonst wären wir nicht hier an diesem Ort zusammengekommen. Wir alle haben die gleichen Bedürfnisse. Es klingt jetzt vielleicht banal, aber als ich mir im Waschraum neben einer Chinesin die Zähne putzte und sie mich im Spiegel anlächelte, fiel mir das erste mal richtig auf, wir sind nicht so verschieden wie wir immer denken. Wir versuchen meistens die Unterschiede zu finden, was für uns als existierende Individuen natürlich auch wichtig ist, jedoch sollten wir öfter das sehen, was uns allen gleich ist: Wir sind Menschen und das ist es auch, was uns alle, was alle Menschen auf der ganzen Welt verbindet. Deshalb suchen wir alle nach Harmonie und Gemeinschaft und das ist es, was die Menschen in Taizé finden. Man entdeckt in der Gemeinschaft den Sinn für wichtige Dinge im Leben. Es ist natürlich sehr schwer nach einer Woche vollkommener Entspanntheit und Ruhe wieder in die „gewohnte Welt“ zurückzukehren ohne sofort wieder dem stressigen Alltag zu verfallen. Es liegt an einem selbst, ob man sich einbildet, diese Ruhe gebe es nur in Taizé und ist mit „unserer Welt“ nicht vergleichbar oder ob man sich die Ruhe selbst schafft und Taizé zu sich nach Hause holt. Natürlich ist es nicht dasselbe, aber es ist niemals dasselbe. „Alles fließt!“, wie einst ein berühmter Philosoph sagte.
Diese Woche war für mich auf jeden Fall sehr wichtig und bereichernd. Es war gut, der Schule, in der wir eigentlich ständig unter Noten- und Leistungsdruck stehen, fern zu sein. Denn obwohl manche Lehrer es nicht glauben wollen, weil sie denken, wir seien lernfaul und uns sei alles egal, haben wir Zweifel und Angst vor der Zukunft. Es ist sehr wichtig in unserer Leistungsgesellschaft das Menschliche nicht aus den Augen zu verlieren. Natürlich, ich kann es mir leisten zu philosophieren, meine Eltern arbeiten ja dafür, dass meine Grundbedürfnisse über die Maßen gedeckt sind, sodass ich mich dem Intellektuellen hingeben kann. Dann kommen von manchen Leuten solche Aussagen wie: „Wie stellst du dir das denn vor? Jugend genießen, ist ja okay, Rebellieren, schön und gut, aber irgendwann musst du sich ja in die Gesellschaft einfügen!“ Was sie nicht verstehen, ist, dass wir nicht rebellieren, weil wir jugendlich sind und weil das dazu gehört, wir rebellieren nicht um des Rebellierens willen, sondern weil in unserer Welt einige essentielle, wichtige Dinge falsch laufen. Und wir legen jetzt den Grundstein für unser weiteres Leben, wir müssen uns überlegen wie wir leben möchten, welches „Leben“ wir mit unserem Gewissen vereinbar ist und was unsere Wertvorstellungen sind. Darum müssen wir gewisse Systeme hinterfragen und sollten uns nicht sang und klanglos fügen. Denn ich denke auch trotzdem wir in einem „Sozialstaat“ leben, fehlt noch sehr viel an wirklicher Menschheit in unserer Gesellschaft.

Taizé ist nicht ein Ort, an dem man die Antworten auf alle Fragen findet, aber er hilft die richtigen Fragen zu stellen.

Katharina, Wien


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