Mit Händen und Füßen

„Welcome to Taizé! I hope you had a good journey? My Name is Irena, I am from Lithuania and i will guide you through the welcome. Pleace take your Backpacks and follow me to Tent P.“ Aufstehn, Stimmgewirr. Rucksack auf und Richtung Essensausgabe. In gebrochenem Englisch werde ich dann noch einmal wilkommen geheißen, es wird ein bischen über den Ort erzählt und was uns erwartet … meine Gedanken schweifen ab. Wasser tropft aus meinen Haaren – dass es draußen geregnet hat, war mir gar nicht aufgefallen. Vor wenigen Stunden war ich noch hektisch am kramen, packen und letzte Mails schreiben – und jetzt darf ich hier sein. Ich muss anfangen zu lächeln. Das ist wie Pfadfinderlager – alles etwas improvisiert, scheinbar chaotisch und durcheinander aber irgendwie doch funktionerend und vor allem herzlich. Wenn auf einem Zeltlager was zu tun ist, dann macht es irgendeiner, der es sich zutraut. Man muss kein Profi sein, um Geschirr zu waschen, Holz zu holen oder ein Lied anzustimmen. Ganz viele einfache Aufgaben werden in ganz viele Hände gelegt – jeder trägt seinen Teil bei. Als ich zum zweiten mal hier war, wurde ich Gesprächsgruppenleiter. Kein Deutscher war außer mir in der 8-köpfigen Gruppe und mein Englisch war in der Schule gerade mal 3 Punke wert, aber es hat funktioniert. Taizé-Englisch hatte ich schnell gelernt: Umschreibe, was du sagen willst, nutze Hände und Füße, gib nicht auf. – Jetzt sitzt Irena hier, jeder versteht, was sie sagt, auch wenn er manchmal ein paar Worte vertauscht – ganz einfach weil man verstehen will …

„Här kommer Pippi Långstrump, tjolahopp, tjolahej, tjolahoppsan sa.“ Seid fast einer stunde versucht Olle mir den Text beizubringen – das schwedisch fällt mir nicht leicht, aber irgendwie mag ich es sehr. Ich hatte mich eigentlich nur kurz in die Sonne setzten wollen um ein bischen was zu singen – nach fünf Minuten hatten sich noch zwei Ukulelen und drei weitere begeisterte Sänger eingefunden und Olle, den ich schon vom Arbeiten kannte. Es gibt eine Menge internationales Liedgut, das haben wir schnell rausgefunden. „Streets of London“, „Lady in Black“ und jede menge Lieder aus den Charts, die doch in vielen Ländern gleich sind – und wer den Text nicht kennt, der summt oder klopft den Takt auf dem Bein mit. Die anderen sind jetzt zu ihrer Arbeit gegegangen – Olle und ich haben frei, weil wir heute Morgen schon in der Big Kitchen gearbeitet haben. Er hat‘s richtig drauf mit der Gitarre, spielt locker alle bekannten Lieder auswendig und baut immer wieder kleine improvisierte Soli ein – echt stark. Und noch stärker dass er sich die Zeit nimmt einem Gitarrengrünschnabel wie mir Kinderlieder aus seinem Heimatland beizubringen …

„Bóg jest miłością, Miejcie odwagę, żyć dla miłości. Bóg jest miłością, nie lękajcie się.“ Mir läuft es kalt den Rücken runter. Das Singen ist wie ein Wogen durch die ganze Kirche – es ist überall um mich herum und erfüllt mich. „Gott ist nur Liebe, wagt für die Liebe alles zu geben. Gott ist nur Liebe, gebt euch ohne Furcht.“ – lese ich als deutsche Übersetzung unter dem Lied. Dann ist Stille. Manchmal sieben, manchmal 15 Minuten. Tausende Menschen. Einfach nur Stille. Am Anfang habe ich immer gedacht, ich müsste in der Sille beten oder so – aber ich bin immer wieder mit meinen Gedanken abgeschweift. Ich habe dann mal einen der Brüder gefragt und er hat mich angelächelt und mir geantwortet, dass das Gespräch mich Gott ganz von selbst käme, wenn erstmal alles was in meinem Kopf ist, zuende gedacht sei. Inzwischen kann ich die Stille Zeit echt genießen – meistens kommt sie mir viel zu kurz vor, so wie jetzt. Ich sitzte Barfuß auf dem Teppich. Die Beine angezogen und mit der Stirn auf den verschränkten Armen. Eng gedrängt. Was für ein Unterschied zu den normalen deutschen Kirchen, wo jeder versucht möglichst weit entfernt vom anderen zu sitzten – am besten in der letzten Reihe. Das will hier keiner. Und es gibt auch keinen Pfarrer vorne, der mir etwas erzählt – die Brüder sitzten unter uns. Ein kurzer Text aus der Bibel wird vorgelesen – erst auf englisch, dann auf französisch – dann auf vielen weiteren Sprachen, die meisten kann ich kaum zuordnen. Dann wird wieder gesungen, ich fühle mich wie angekommen von einer langen Reise. Pudelwohl unter all den Menschen aus der ganzen Welt. Jetzt kommt das Licht. Ein paar Kinder zünden es an der der großen Kerze an und verteilen es in alle Richtungen – dann wird es weiter gegeben. Elisabeth lächelt mich an, wärend ich meine Kerze an ihrer anzünde – vor ein paar Tagen habe ich sie noch nicht gekannt, aber schon heute weiß ich mehr über sie, als über die meisten meiner Klassenkameraden. Sie ist 22, fertig mit dem Studium in Cambridge und fängt demnächst als Lehrerin an. Sie ist immer gut drauf und kann super mit Menschen umgehen und ich glaube, ich kann noch viel von ihr lernen. Echt schade, dass man so viele Menschen, die man hier kennen lernt vermutlich nie wieder sieht. – Ich drehe mich um und gebe das Feuer weiter. Dann blicke ich umher. Der Raum hat sich erhellt und gleicht einem großen Lichtermeer. Wow – so einfache Mittel und doch so überwältigend …

„Christoph rapar pan de casa de San Juan.“ Wir stehen in einem großen Kreis, ein paar Spanier versuchen uns ein Spiel beizubringen. „¿Quién yo?“ rufen sie mir lachend zu – „Answer with: „¿Quién yo?““. I try it. „¿Quién yo?“ – „Si tu!“ – „Yo no fui“ – „¿Y entonces quién?“ – „Antonio rapar pan de casa de San Juan.“ – Ha, i got it. Now it‘s Antonios turn. What a great fun to play games in a language you don’t really know denke ich und bemerke, dass ich schon angefangen habe in Englisch zu denken. Dann drängt sich ein Portugiese in den Kreis. Laute Stimme, gutes Standing – ein richtiger Animator. Ich komme mir vor, als stände halb Taizé jetzt in unserem Kreis am Oyak. Ich dachte immer nur Pfadfinder würden so verrückte Sachen machen und die einzigen sein, die im nüchertnen Zustand hüpfend und borkend wie ein Huhn im Kreis springen können. Aber nein, hier macht auch jeder mit – und jetzt kommt erstmal Publikumssampling. Miquel teilt uns in vier Gruppen ein, einfach so, wie wir grade stehen. Er singt uns eine kurze Melodie vor, dann werden die anderen instruiert. Immer, wenn er auf uns zeigt, singen wir unseren Part. Ein fantastischen Kozert entsteht – das wichtigste ist dabei wohl laut zu jolen, wenn eine Gruppe ihren Einsatz verpasst – ha, dass kann ich! Eine Laolawelle fegt über den Platz. Olla kreift wieder zur Gitarre. Jetzt am letzten Abend setzten wir uns nochmal zusammen mit unserer Gesprächsgruppe. Tess aus Holland, Maria und Agnieszka aus Polen, James aus Süd Afrika, Olla aus Schweden und Elisabeth aus England. Wir sind über die Woche echt gute Freunde geworden. Jeden Morgen nach der Bibelauslegung hatten wir uns in dieser Gruppe getroffen und über die Fragen gesprochen, die uns mitgegeben wurden. Es haben sich echt coole Gespräche entwickelt – es gibt eine Menge was jeden von uns beschäftigt. Wir haben viel über Unterschiede im Glauben geredet, über politische Themen und ganz Alltägliches. Am wichtigesten waren aber die Sachen, die uns verbinden …

Taizé ist ein kleines Dorf in Burgund, in dem seit 1945 eine Gemeinschaft von Brüdern lebt, die das Evangelium als Grundlage ihres Lebens gewählt hat – und dazu einlädt, dies zu teilen. Und so befinden sich neben dem scheinbar verschlafenen Dörfchen unzählige Zelte, dicht an dicht. Viele Tausende Jugendliche – selbst aus den entlegensten Winkeln der Welt – kommen hier zusammen, um eine Woche gemeinsam zu (er-)leben. Mich zieht es Jahr für Jahr wieder dorthin – ich liebe das einfache Leben und die Offenheit der Menschen dort. Der Austausch in den Gesprächsgruppen findet oft mit Händen und Füßen statt und auf eine fantastische Weise versteht man sich einfach sofort. Nirgendwo kann man so schnell, so leicht Beziehungen in die ganze Welt knüpfen – über Mails, Facebook und Briefe halte ich mit vielen Freunden aus Taizé kontakt. Wenn es wiedermal auf Großfahrt geht, kenne ich inzwischen fast in jedem Land Menschen, die mir ortskundige Geheimtipps geben können. In Taizé stehen die gemeinsamen Gebete und der persönliche Glaube im Mittelpunkt – doch auch das Erledigen von kleinen Arbeiten gehört zu dem Leben hier dazu. Alles was an Aufgaben anfällt wird von den Jugendlichen selbst erledigt – und jeder weiß, dass mit einer lustigen Gruppe selbst Kloputzen oder Maisdosen einstampfen famosen Spaß macht. – Der Ort ist für mich eine Lebensschule geworden. Ich beginne immer wieder mein eigenes Leben zu hinterfragen. Vor allem meinen Wohlstand und die Chancen die mir gegeben sind, weil ich hier in Deutschland so frei und sicher aufwachsen kann. Ich reflektiere, wie ich meinen Alltag gestalte und frage mich oft, warum ich es zuhause nicht schaffe mir am Tag einfach mal 10 Minuten der Stille zu nehmen, die mir hier doch so gut tut. Das größte Geheimnis bleibt aber, warum das gemeinsame Leben hier so gut funktioniert – wo mir doch jeden Tag in den Medien gezeigt wird, dass Streit herrscht, wenn Menschen aufeinander treffen.

( Christoph (Koschi) aus Wiesbaden schrieb diesen Text für eine Pfadfinderzeitschrift)


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