Man hat nie das Gefühl, nicht erwünscht zu sein

Jedes Jahr fahren Schülerinnen und Schüler des Bamberger E.T.A. Hoffmann-Gymnasiums im Juli für eine Woche nach Taizé, um dort als Gäste der Communauté de Taizé an den internationalen Jugendtreffen teilzunehmen. Heuer bestand die Gruppe aus fast 50 Jugendlichen im Alter von 15 bis 20 Jahren (darunter auch einige „Ehemalige“), die im Folgenden schlaglichtartig schildern, was aus ihrer Sicht das Leben in dem kleinen burgundischen Dorf ausmacht:

„Wer nach Taizé fährt, lässt sich auf etwas ein: Man lässt sich darauf ein, sich selber zu finden, man lässt sich darauf ein, mit anderen Jugendlichen über den Glauben zu sprechen. Das geschieht u.a. in den Gesprächsgruppen, die vor- und nachmittags stattfinden. Zusätzlich werden noch Workshops am späten Nachmittag angeboten, an denen man sich Infos über andere, unbekannte Länder holen kann oder mit Brüdern über spirituelle oder zwischenmenschliche Fragen spricht. Abgerundet wird das Programm vom dreimaligen Gebet, das den Tag beginnt und ihn beendet.“

Gebete

„Die Gebete sind mit Abstand das Entspannendste und Tiefgründigste, was ich bis jetzt in meinem Leben erfahren habe.“ – „Hier kann man sich fallen lassen in den Gesängen, lauschen, aktiv sein oder seinen Gedanken nachhängen.“

„In den Vordergrund wird das Lied gestellt, nach dem Wahlspruch: Wer singt, betet doppelt. Eine ganz besondere Erfahrung ist die etwa 10-minütige Stille, die Element in jedem Gottesdienst ist. 10 Minuten, um sich mal mit sich selbst zu beschäftigen; 10 Minuten, um in sich hineinzuhorchen; 10 Minuten, um sein persönliches Gebet zu sprechen oder 10 Minuten, nur um zu schweigen. Es ist ein beeindruckendes Gefühl, so viele Menschen zusammen zu haben, die gemeinsam schweigen.“

„Was mir an mir aufgefallen ist: Ich habe noch nie in der Kirche so richtig intensiv gebetet, aber als ich hier war, habe ich wie noch nie gebetet und ich hoffe auch den richtigen Weg zu Gott gefunden zu haben.“

„Ich kam ziemlich ruhelos und fertig hierher und gleich am ersten Abend beruhigte mich die Atmosphäre in der Kirche. Vor allem das gemeinsame Beten und Singen, aber auch nur die Stimmung in der Kirche sind für mich Punkte, auf jeden Fall wieder hierher zukommen.“

Bibeleinführungen

„Was mich fasziniert hat, waren die Bibeleinführungen. Der Bruder, der die Bibeleinführung hielt, verstand es, den Glauben lebendig und modern zu leben. Wenn er über die Bibeltexte sprach, tat er das mit einer großen Einfachheit, doch hatte ich danach immer das Gefühl: ‚Wow! Diese Geschichten kenne ich zwar schon, seit ich Kind bin, doch das, was er erzählt, hab ich dort noch nie entdeckt, aber er trifft den Nagel auf den Kopf!’“

Begegnungen und Gespräche

„Die Gespräche in den kleinen Gruppen (die aus ca. 10 Jugendlichen aus verschiedenen Ländern bestanden) fand ich sehr tiefgründig. Ich fand es sehr gut, dass wir Zeit hatten, über verschiedene Dinge nachzudenken und zu diskutieren.“

„Außerdem ist es super, dass die Brüder immer für ein Gespräch offen sind.“

„Oft kann man mit Menschen, die man irgendwo trifft und vielleicht nie mehr sieht, wie z.B. eben hier in Taizé, über sein Innenleben reden. Man kann sich dann oft leichter öffnen und von sich Persönliches erzählen ohne Angst haben zu müssen, sich ‚nackt’ zu fühlen. Es ist für mich manchmal schwierig, mich Menschen zu öffnen, die ich kenne. Mit ‚Unbekannten’ lässt es sich (vorurteils-) freier reden.“

„Mir fällt es am leichtesten über die Fragen meines inneren Lebens in Taizé zu reden, da ich mich hier ganz darauf konzentrieren kann. Deshalb bin ich auch sehr glücklich, wenn ich einmal im Jahr mit der Schule nach Taizé fahren kann und die Möglichkeit habe, dieser Frage nachzugehen.“

Workshops

„Als großartige Ergänzung des normalen Programms zeichnen sich die Themengruppen / Workshops aus, welche entweder spezifische Themen behandeln, die bei Interesse gewählt werden können, oder durch kleine Vorstellungen und Einführungen fremder Länder einem Kleinbürger die mannigfaltige Welt näher bringen.“

Einfachheit

„Taizé lebt von seiner Atmosphäre und Einfachheit. Die einfachen Dinge – das Essen, jemandem den Teller reichen, die Arbeiten etc. – führen dazu, dass man mehr auf den Menschen achtet, der einem begegnet und nicht so sehr auf seine ‚Dienstleistung’. Ein Lächeln und der Mensch, der dahinter steht, zählen mehr als die Leistungen, die er erbringt. Die Einfachheit führt dazu, den Blick wieder für essentielle Dinge zu öffnen, die das menschliche (Zusammen-) Leben ausmachen.“

Vielfalt

„Ich bin nun schon das vierte Mal in Folge in Taizé, doch von Langeweile oder Routine keine Spur. Es ist einfach erstaunlich, wie sich die Jahre so vollkommen unterscheiden. Taizé ist ein Ort der Vielfalt und Abwechslung, verbunden mit einem geregelten Ablauf und genügend Zeit zum Besinnen und Nachdenken.“

„Es ist eine wahnsinnig tolle Erfahrung, Jugendliche aus allen möglichen Ländern zu treffen und etwas über sie zu erfahren. Zusammen in einem Raum, also in der Kirche, zu sitzen und zu schweigen ist etwas sehr emotional und spirituell Überwältigendes. Ich hätte nicht gedacht, dass das trotz einiger Unterschiede in dieser Form möglich ist.“

Gemeinschaft

„Die Treffen in Taizé sind besonders durch das gemeinschaftliche Zusammenleben geprägt. Wichtig erscheint mir hierbei, dass man nie das Gefühl hat, nicht erwünscht zu sein oder Anstoß zu erregen. Jeder hat hier problemlos seinen Platz gefunden, egal ob er eine andere Sprache spricht oder anders aussieht. Besonders die drei täglichen Gebete erscheinen mir in diesem Zusammenhang als äußerst wichtig, gerade wenn ich mir die Unterschiedlichkeit der verschiedenen Teilnehmer bewusst mache. Auch die Gesprächsgruppen sowie die Arbeiten, die man zusammen verrichtet, tragen wesentlich zum gemeinsamen Miteinander bei.“

„Zu den Erfahrungen von Gemeinschaft zähle ich die Toleranz unter allen Taizé-Besuchern, das gemeinsame Beten, Singen und In-sich-Gehen. Auch während der Stille im Gottesdienst, in der man sich besinnt / besinnen kann, ist man trotzdem in einer riesigen Gemeinschaft, in der man sich respektiert und gerne zusammen ist.“

„Ich war in einer Gesprächsgruppe mit nur Deutschen und Polen. Deutsche und Polen! Hätte man die Kombination vor 50 Jahren mal zusammen gesteckt, dann wäre wirklich was am Dampfen gewesen. Und das ist Taizé, die Toleranz in Taizé: Die anderen so akzeptieren und als die akzeptieren, die sie sind und sich für die andere Seite wirklich zu interessieren.“

„Wenn man wieder zu Hause ist, wird man wohl am meisten die freundliche Atmosphäre vermissen, die hier vorherrscht. Einfach diese nette und vor allem freundliche Umgehensweise miteinander, und zwar nicht nur in den einzelnen Gruppen, sondern selbst beim Treffen bei der Essensausgabe, abends am Oyak (einer Art Bistro) oder in den Gottesdiensten.“

Ruhe und Selbstfindung

„Taizé gibt mir genau das, oder besser gesagt hat mir in der letzten Woche genau das gegeben, was ich zu Hause in letzter Zeit verzweifelt gesucht habe für mein inneres Leben: Ruhe, einfach mal die Zeit haben abzuschalten, mal den Stress abzuschalten, das ganze Erlebte der letzten Zeit zu verarbeiten. Jeder Mensch braucht das. Man muss Pausen einlegen und dazu war jetzt Taizé genau die richtige Möglichkeit.“

„Wichtig für mich ist, Zeit zum Nachdenken zu haben und meine ständigen Fragen an mich selbst beantworten zu können. Gelegenheit dazu finde ich in den Schweigeminuten in den Gebeten und in der übrigen Freizeit.“

Wichtig, gerade für mein Inneres, ist mir, dass ich in dieser Woche auch innerlich zur Ruhe komme und mal „durchschnaufen“ kann. Ich möchte in dieser Woche zum einen in Ruhe über meine Alltagssorgen nachdenken können, zum anderen möchte ich sie aber auch manchmal einfach vergessen können, um ruhig zu werden. Wichtig ist für mein eigenes inneres Leben auch, dass ich das, was ich hier an Erfahrungen sammle, mit nach Hause nehme, und dort an die Leute, die mir wichtig sind, weitergeben kann.“ 

Taizé und der Alltag daheim

„Mir ist für mein eigenes inneres Leben wichtig, Balance zu haben; eine Balance, die mein Leben ordnet, doch dass diese Balance so wichtig ist, wurde mir erst richtig in Taizé klar. Doch es ist falsch, sich in Taizé zu ordnen und das einmal pro Jahr zu machen; die Kunst ist, Taizé in den Alltag mitzunehmen und das alles in Taizé wieder aufzufrischen.“

„Wichtig ist für mich auch, dass ich das, was ich hier an Erfahrungen sammle, mit nach Hause nehme und dort an die Leute, die mir wichtig sind, weitergeben kann.“ 

„Mir wurde hier in Taizé ein großes Potenzial an Toleranz, Güte, Geduld und Verständnis gegenüber anderen vermittelt, welches ich versuche, zu Hause auch an andere weiter zu geben.“

Fazit

„Taizé ist ein super Ort und ich möchte nächstes Jahr gern wieder kommen und dann auch meine Schwester mitnehmen!“

 

Teilnehmerinnen und Teilnehmer an der Taizéfahrt 2004 des E.T.A. Hoffmann-Gymnasiums


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