Lichterwichte in Taizé

Am Samstag sitzt eine junge französische Mutter mit ihrem Stammhalter neben mir in der Versöhnungskirche. Sichtlich fasziniert versucht der Kleine alles im unmittelbaren Krabbelradius eingehend zu erkunden und im wahrsten Sinn des Wortes zu „begreifen“. Ihm böswillig die leckeren kleinen Kerzen zu verweigern, die jeder Kirchenbesucher am Eingang erhält, ist ein typischer Akt mütterlicher Willkür! Ab und zu wird sein kühner Forscherdrang durch einen Zug am Bein sanft unterbrochen und eine Runde Kuscheln auf dem Schoß wird eingeschoben.

Schließlich taucht der kleine Entdecker zielsicher unter dem weiten Pulli seiner Mutter ab. Man muß Prioritäten setzen! Manchmal ist Muttermilch eben wichtiger als heiliger Geist!

Ein kleiner, vielleicht vierjähriger Junge weiter vorne unterzieht seine Kerze einer gezielten Materialanalyse. Binnen einer Minute hat er eine Art Rosenkranz geschaffen, an dem einzelne, kurze Wachselemente durch den Docht verbunden werden. Durchaus kreativ, wenn auch nicht unbedingt im Sinne des Erfinders. Langsam rückt der Zeitpunkt der artgerechten Verwendung der Kerzen im Gottesdienst näher. Vier Mädchen gehen mit ihren Kerzen im Mittelgang, wo die Brüder sitzen, nach vorne. Frère Roger war während des Gottesdienstes immer von einigen Kindern umgeben, sein Nachfolger, Frère Alois hat diesen Brauch übernommen. Einer der Brüder holt das Feuer von der Osterkerze und gibt es an die Kinder weiter, die ihre kleinen Kerzen daran entzünden. Dann geht alles verblüffend schnell. Die Mädchen entzünden die Kerzen der Menschen in ihrem Umfeld, diese geben die Flamme an ihre Nachbarn weiter. Innerhalb kürzester Zeit werden die Gesichter aller Kirchenbesucher vom warmen Schein des Kerzenlichts erhellt. Auch die Augen einiger Erwachsener erstrahlen in durchaus kindlicher Freude, es ist eine zauberhafte Atmosphäre, die durch die Gesänge noch intensiviert wird.

Leider gibt es immer wieder Genies, die diesen Zauber mittels Blitzlicht einfangen wollen. Das ist fototechnisch gesehen kompletter Blödsinn und abgesehen davon extrem rüpelhaft. Die Schönheit mancher Momente läßt sich nur mit dem Herzen einfangen, auch wenn der Wunsch nach „Konservierung“ manchmal nachvollziehbar ist. Der Docht im unteren Teil der Kerze ist behandelt, deswegen erlöschen die Kerzen nach kurzer Zeit von alleine. Früher wurden die Kerzen aus dem Gottesdienst mitgenommen und dann in den Baracken und Zelten wieder entzündet. Irgendwann war den Brüdern das Risiko doch zu groß und der neue Kerzentyp kam zum Einsatz. Manche Besucher haben diese Information allerdings nicht mitbekommen und bemühen sich mit geradezu rührender Hartnäckigkeit um ihre erloschene Kerze.

Inzwischen haben die Brüder die Kirche bereits verlassen, nur der Bruder am Keyboard hält wie immer heldenhaft die Stellung. Einige Brüder haben eine lila Stola umgelegt und stehen im rechten Bereich der Kirche für Gespräche zur Verfügung. Ein Permanent deckt die Gläser, die sich in den im Altarbereich stehenden Tonrahmen befinden, kurz mit Bierdeckeln ab, um die darin brennenden Kerzen zu löschen. Ehrlich gesagt weiß ich überhaupt nicht, ob in Frankreich waschechte Bierdeckel existieren, zumindest sehen die Teile so aus. Die Menschen sind weniger geworden, aber die Atmosphäre ist immer noch intensiv und dicht.

Seit meinem Austritt aus der Kirche als Teenager sind viele Jahre ins Land gezogen. Nicht zuletzt Taizé hat in mir einen Prozeß in Gang gesetzt, der mich ganz langsam wieder Richtung Glauben und Kirche führt. Momentan stehe ich in einem ersten Schnupperkontakt mit der altkatholischen Kirche, vielleicht schließt sich der Kreis in absehbarer Zeit wieder. Für alle Menschen die auf der Suche sind, die sich Fragen nach ihrer Zukunft stellen, ist Taizé ein wertvoller Ort. Taizé ist schlicht und unkompliziert, es drängt keine Meinungen auf, missioniert nicht, bietet keine vorgefertigten Lösungen. Hier findet jeder die Zeit zur Ruhe zu kommen, los zu lassen und Energie für den Alltag zu tanken, aber auch die Möglichkeit sich offen mit Menschen auszutauschen, die an einer ähnlichen Stelle ihres Weges stehen. Ich bin von Herzen dankbar für diesen Ort, der mich auch zu Hause noch ein Stück weit begleiten wird. (Schon allein wegen der wunderschönen Keramikschale, die sich mir in zutiefst verwerflicher und absolut dreister Weise an den Hals geworfen hat. Smile

LG Werner

Vollständiger Erfahrungsbericht unter:

http://bauches-lust.de/wocheintaize/eindruecke/index.php

Kirche-Altarraum-web.jpg (34 KB)

Kirche-hinterer-Teil-web.jpg (34 KB)

Kirche-Kerzenleuchter-(1)-web.jpg (34 KB)


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