In Taizé muss die Freiheit wohl grenzenlos sein…
Ohne irgendeine genaue Vorstellung von dem, was mich in Taizé erwarten würde, stieg ich aus dem Bus. Das erste, was mir buchstäblich ins Auge stach, war eine Dredlock, die vom Kopf eines vorübergehenden Hippies stammte. Wie sich später heraus stellte, scheint Taizé nicht nur ein Pilgerort für typisch spießige Gläubige zu sein, sondern ein buntes Sammelbecken mit Spezien jeder Form. Den nächsten Stich versetze mir die Einteilung in die Unterkünfte. Diese bestanden aus alten Baracken, die –vorsichtig ausgedrückt- sehr spärlich eingerichtet waren. Ein perfekter Start in die Woche…
Mit leerem Magen und einer dunklen Vorahnung machte ich mich auf den Weg, um die Toiletten zu inspizieren. Wie zu erwarten war, waren auch diese kein glanzvoller Anblick. Aus den Toiletten flüchtete ich mich zur Essensausgabe. Nach 15 Minuten und 1000 neuen Eindrücken später bekam ich zunächst ein Tablett mit einer Plastikschale gereicht, in der eine klägliche, aber zu meiner Freude leckere Mahlzeit lag. Eigentlich konnte es nur noch besser werden, und ganz ehrlich: das wurde es auch.
Mein nächster Schritt ins Ungewisse führte mich in die Kirche, die das Herz von Taizé verkörpert. Als ich eintrat, wurde mir sofort klar, dass es sich hierbei nicht um einen konservativen Gottesdienst handeln konnte. Die Kirche, in der Tausende von Menschen Platz finden, ist ein warmer und ausdrucksvoller Ort. Die Stimmung ist unbeschreiblich und nicht zu vergleichen mit der in anderen Kirchen. Ich suchte nach einer Sitzgelegenheit, bis ich zu meiner Verwunderung feststellte, dass diese der Boden war. Nachdem ich mir einen Platz gesucht hatte, wurden Lieder angestimmt, welche die friedliche Atmosphäre in der Kirche sowie in ganz Taizé wiederspiegelten. Meine Laune fing an, sich zu heben. Der miese Anfang war vergessen.
Am Ende der Woche wurde mir klar, dass sich die zunächst negativen Eindrücke von Taizé zu völligen Nebensächlichkeiten verwandelt hatten. Diese nahm ich letztendlich für das besondere Feeling inTaize in Kauf. Als Beispiel das Essen: Dieses war meistens lecker, aber wirklich wenig. Dafür freute man sich umso mehr darauf. Auch für die morgendlichen Gebetszeiten lohnte es sich aufzustehen. Besonders die Lichtfeier am Samstag war ein einprägendes Ereignis. Außerdem muss noch erwähnt werden, dass man in Taizé nicht drumrum kommt, neue, interessante Menschen verschiedener Nationen und Überzeugungen kennen zu lernen. Der Oyak, ein Kiosk (Bierstand), bietet dazu die perfekte Möglichkeit. Dort wird über Gott, die Welt und die leckeren HotDogs (45 Cent!!) diskutiert. Und wenige Meter weiter trällern sich angehende Gesangskünstler die Stimme heiser.
Rückblickend befand ich mich in Taizé in einer völlig anderen Welt, mit interessanten Menschen und einer friedlichen Atmosphäre. Jeder, der offen ist, neue Erfahrungen zu sammeln und persönlichen Herausforderungen entgegen zu treten, sollte sich Taizé nicht entgehen lassen.
Judith Liesenfeld und Lea Piekatz (geschrieben aus der Sicht einer Jugendlichen, die zum ersten mal nach Taizé reist)
