Taizé: Eine Woche auf der Suche nach Gott
Lange scheint sie schon her zu sein, meine Woche in Taizé – dabei sind erst acht Wochen vergangen, seit ich das große Jugendtreffen dort miterleben durfte. Erinnerungen melden sich: Kalt war es teilweise und geregnet hat es auch manchmal. Jeden früh um 7 Uhr aufstehen, dreimal am Tag in die Kirche gehen, dazu vormittags noch Bibeleinführung, nachmittags Arbeit, das hieß für mich: Sanitäre Anlagen putzen. Und doch – auch wenn sich das alles nicht sehr positiv anhört – war es eine schöne Zeit.
Eine Woche außerhalb der Zeit, ohne Handy und Katastrophenmeldungen aus aller Welt. Zufällig gerade auch noch zum Jahrestag des 11. Septembers – also musste ich nicht immer und immer wieder die beiden Türme fallen sehen. Am Anfang war alles neu und ungewohnt: Sich zum Essen holen in einer langen Schlange anstellen, mit 10 anderen in einer Baracke zu schlafen und sich in der Kirche einfach auf den Boden zu setzen. Doch bald ist all dies normal geworden. Mitte September sind nur noch ungefähr 800 Jugendliche da – in den Sommerwochen waren es jede Woche um die 7000.
Wer noch nie ein Taizé-Gebet gesehen hat, wird sich wohl nichts darunter vorstellen können: Es wird dabei viel gesungen, wobei die Gesänge jeder bald mitsingen kann, denn sie werden oft wiederholt, die Texte und Gebete werden in verschiedenen Sprachen gelesen. Jeden Vormittag hält ein Bruder eine Bibeleinführung. Er erklärt eine Bibelstelle, erzählt einfach nur, gibt Denkanstöße, über die dann in kleinen Gruppen diskutiert wird. In meiner Gruppe sind fast nur Deutsche, wir diskutieren im wahrsten Sinne des Wortes über Gott und die Welt. Auch Christine ist dabei, sie beschreibt das Besondere an Taizé: „Es ist faszinierend, dass 1000 Leute friedlich zusammen in einer Kirche sitzen und zusammen beten – vielleicht sogar zum gleichen Gott…“
Da versteht auch jeder, dass er einen Teil dazu beitragen muss, dass das ganze Jugendtreffen überhaupt laufen kann. Alles ist perfekt organisiert, die einen teilen Essen aus, andere sammeln Müll ein und wieder andere putzen eben Toiletten, Waschbecken und Duschen. Als es nach einer Woche heißt: Abschied nehmen!, möchte eigentlich keiner gehen: Man ist doch gerade erst angekommen, hat eben erst begonnen, sich damit auseinander zu setzen, ob es nun da oben jemanden gibt oder nicht, und was er mir überhaupt bringt, wenn er denn existiert. Oder sie. Oder es. Oder vielleicht auch etwas ganz anderes.
Alle sind in Taizé willkommen, man muss nicht glauben, um dorthin kommen zu können. Es reicht, sich Gedanken zu machen, auf der Suche zu sein und sich dabei auch für Neues zu öffnen. Wer sich so ein Taizé-Gebet einmal anschauen möchte und dazu nicht gleich nach Frankreich fahren möchte, hat dazu auch zu Hause die Gelegenheit. Bei uns in Würzburg zum Beispiel findet jedes Jahr im November im Jugendhaus Kilianeum die „Nacht der Lichter“ statt, mit Gebeten und Gesängen aus Taizé. Wer möchte kann sich dabei über das jeweilige Europäische Jugendtreffen informieren, auf das die „Nacht der Lichter“ vorbereitet. Zu diesem Treffen, das zur Jahreswende stattfindet, werden zehntausende Jugendliche aus ganz Europa erwartet – ein echtes Spektakel.
Christine Prokopf beschrieb diese Eindrücke im November 2002 in der fränkischen Tageszeitung „Main Post“.
