Gesellschaft braucht Gemeinschaft

Wer aus den Quellen des Glaubens leben will, steht früher oder später vor der Frage, ob und wie der Glaube neben dem Privatleben auch das Leben in den Gesellschaften prägen kann. Regelmäßig denken in Jugendliche bei den Wochentreffen in Taizé darüber nach. 

Die allerwenigsten, glaube ich, kommen mit der Vorstellung nach Taizé, sich dort über Politik zu unterhalten. Vielmehr erwartet man sich Gebete, Bibeleinführungen, Stille, Gesprächsgruppen und vielleicht die eine oder andere Antwort auf persönliche Fragen wie: Was hat Gott für mein Leben vorbereitet, was könnte mein Beruf, meine Berufung sein, wie kann ich Gott begegnen? Ich war ebenfalls nicht darauf gefaßt, dort auch über Politik bzw. gesellschaftliche Fragen zu reden. Aber das Thema tauchte auf, und es war sehr interessant. Plötzlich erzählten Jugendliche, sie seien in der Jugendorganisation der einen oder anderen Partei, oder daß sie sich in der Kommunalpolitik, in der Schülermitverwaltung oder – wie ich – in einem Jugendverband engagieren. Andere beschäftigen sich mit dem Spektrum der gängigen Ideologien und den Grundfragen der Demokratie. 

Im Laufe der Diskussion sind viele Fragen aufgekommen. Fragen, die nicht so sehr die einzelnen politischen Vorfälle betreffen, sondern mehr das Leben des einzelnen innerhalb eines Staates, einer Gesellschaft: Was kann ich als einzelne, als einzelner innerhalb dieses großen ,Apparates‘ tun? Was kann ich als Christ in der Politik konkret bewirken? Ich denke, wie in vielen anderen Bereichen des alltäglichen Lebens zählen auch hier vor allem die einzelnen, kleinen Schritte. Es ist wichtig, daß jeder etwas beiträgt. Als Bürger demokratischer Staaten sind wir aufgefordert, mitzuentscheiden und Verantwortung zu übernehmen. Als Christen können wir diese Mitentscheidung mit dem verbinden, was wir als Glaubende zu leben versuchen. Wie aber können wir das tun, wenn wir nicht wissen, worum es geht, wie die Dinge stehen? 

In einem Brief an die Jugendlichen schreibt Frère Roger, der vor sechzig Jahren allein in Taizé begonnen hat: „Uns Arme des Evangeliums ruft Christus auf, Hoffnung auf Gemeinschaft und Frieden am Leben zu erhalten, so daß sie sich um uns herum verbreiten kann. Dies vermag selbst der Einfachste der Einfachen. Ahnst du ein Glück? Ja, Gott will, daß wir glücklich sind! … Glücklich, wer es versteht, sich selbst schlicht hinzugeben.“

Hier Auszüge aus einem der wöchentlichen Gespräche über gesellschaftliche Themen in der Gegenwart und für die Zukunft, bei dem verschiedene Jugendliche aus dem deutschen Sprachraum mehr Fragen aufwerfen als Lösungen bringen – das haben viele Gespräche in Taizé so an sich. Jeder Beitrag läßt sich als Einstieg in eine Diskussion in der Schule oder an einem Abend verwenden.

„Wir leben heute praktisch in ganz Europa – und auch vielerorts auf den anderen Erdteilen – in pluralistischen Gesellschaften. Im Grunde haben wir zu Hause alle Möglichkeiten, und da finde ich es äußerst schwierig, den eigenen Weg zu finden. Früher gab es Friedensbewegung, Studentenbewegung und ähnliches; das gibt es im Augenblick nicht. Ich frage mich, wie ich mich in einer Gesellschaftsform finden kann, in der fast alles möglich ist. Ich erlebe das ganze gesellschaftliche Zusammenleben als undurchsichtig und verwirrend. Es ist schwer, sich zu motivieren, ein bißchen mehr Klarheit zu schaffen. Deshalb interessiert mich die Rolle der Kirche in der Gesellschaft. Welche Aufgaben kann die Kirche übernehmen, wo kann sie aktiv, vielleicht sogar politisch werden und wo nicht?“

„Zum Christsein gehört für mich auch, nicht zu resignieren und zu denken: Die da oben machen sowieso, was sie wollen. Vielmehr geht es darum, die Politik und die Gesellschaft christlich zu inspirieren. Alle Menschen wollen zum Beispiel eine Welt, in der es Frieden gibt. Und Frieden im tiefen Sinn ist auch ein zentraler Gedanke im Christsein. In der Politik geht es für mich darum, mit Kühnheit den Träumen und Visionen eine Chance zu geben – mit der selben Kühnheit, mit der wir als Christen aufgefordert sind, den Glauben zu leben.“

„Ich glaube, wie unpolitisch sich eine religiöse Gruppe auch geben mag, sie ist immer in irgendeiner Art politisch. Was hat also die Kirche in der Gesellschaft für eine Rolle? Ich sehe in Deutschland, daß auch Religion eher etwas Abgespaltenes ist, wie so vieles andere auch, nicht nur die Kirche, sondern auch andere, unzählige Initiativen und Interessenbereiche. Es gibt keine Gemeinsamkeit mehr, die im Grunde die Gesellschaft zusammenführt. Höchstens Teilgruppen in der Gesellschaft haben noch gemeinsame Interessen. Der Individualismus nimmt überhand. Jeder geht seinen eigenen kleinen Weg. Gemeinsames Gehen ist nicht mehr möglich. Vielleicht entstehen daraus neue Formen der Gemeinschaft, aber ich befürchte, daß sich alles eher auseinander entwickelt. Die Gesellschaft braucht doch Gemeinschaft.“

„In Taizé läuft es ganz anders als zu Hause in der Gesellschaft. Zu Hause engagieren sich auch nicht wenige Jugendliche, aber viele andere sagen auch nur: Ich studiere jetzt und dann verdiene ich viel Geld. Ich sehe auch einen gewissen Rassismus unter Jugendlichen zu Hause. Hier in Taizé sind viele Leute aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten und aus verschiedenen Ländern zusammen, weil es eben die Kirche in so vielen Ländern gibt; es passiert Völkerverständigung.“ 

„Hier ist mir klar geworden, daß ich nicht nur wenig über den Glauben, sondern auch nicht viel über andere Länder und deren Sitten und Bräuche weiß. In Taizé kann man zum Beispiel an einem Nachmittag erfahren, wie Polen Gottesdienst halten, wie Spanier Weihnachten feiern, welche Lieder Italiener am liebsten singen oder welche Auswirkungen die politischen Probleme auf das Leben Jugendlicher in Slowenien haben! Hier lernten wir einmal eine Gruppe Italiener kennen, weil sie nachts in ihren Baracken noch Taizé-Lieder sangen. Man hat es durch die Wände gehört. So haben wir die ganze Nacht zusammen gesungen – wir Sopran und Alt, sie Tenor und Baß – obwohl wir uns nicht sehen konnten. Daraus wurde eine Freundschaft, die noch heute besteht.“

„In der Schule wird einem oft gesagt: Wir in den Siebzigern oder die Achtundsechziger-Generation, wir waren noch richtig engagiert. Aber ihr heute, ihr macht doch nichts. Ich laß mich nicht gerne in diese Zweitausend-Generation einordnen. Ich bin nicht übermäßig politisch engagiert. Aber es nervt mich schon, wenn Erwachsenen so schnell behaupten, wir seien resigniert. Und dann heißt es gleich: Werteverfall, die Jugendlichen haben keine Werte mehr, gehen nicht mehr in die Kirche. Ich bin ziemlich lange zur Kirche gegangen von meinem Elternhaus aus. Dann mit vierzehn kam der totale Bruch, da war Kirche vollkommen out. Jetzt bin ich achtzehn und mache mir wieder mehr Gedanken. 

„Mir ist in Taizé ebenfalls die Begegnung mit Jugendlichen aus anderen Ländern wichtig, die noch religiös sind. Ich bin hier auch mit Menschen zusammen getroffen, die sich zu Hause sehr engagieren. In meiner Bibelgruppe habe ich ein Mädchen kennengelernt, das sehr viel macht, sozial, politisch, und das hat mich inspiriert und beeindruckt. In unserer Generation ist es ein Problem, an Gott zu glauben, weil kaum einer nach außen hin zeigt, daß er es tut. Man hat eine Außenseiterposition, wenn man zur Kirche geht. Man muß sich zum Teil wirklich rechtfertigen. Das stört mich wirklich. Aber es stört mich ebenfalls, daß es auf der anderen Seite immer gleich heißt: Die Jugendlichen machen nichts, interessieren sich für gar nichts.“

„Mir ist schon passiert, daß ich hoch gelobt wurde, weil ich etwas in der Kirche gemacht habe. Aber innerhalb der Kirche kann man leicht fromm und engagiert sein. Heute müssen die Leute sich auch mal Gedanken machen, was die Jugendlichen außerhalb der Kirchengemeinden erwartet, was sie aushalten müssen, wie sehr Gesellschaft sich verändert, wie gefährlich so eine Offenheit und Freiheit auch ist. Das kann doch dazu führen, daß man selber gar nicht mehr weiß, was man will, was man machen soll.“

„Am meisten kümmern sich da die Unternehmen um uns Jugendliche, weil man an uns Geld verdienen, Produkte absetzen kann. Warum nicht, aber sie sind es damit auch, die vielen in der Gesellschaft Werte vorgeben. Institutionen, die früher Werte vermittelt haben, zum Beispiel die Kirche, sind da meistens zu leise und zu weit weg. Taizé ist dagegen ganz nahe und richtig laut. Ich finde, daß Taizé eine große Lautstärke hat, weil Jugendliche aus so unterschiedlichen Ländern der Welt herkommen. Diese Art von Lautstärke hängt mit Gastfreundschaft und Offenheit zusammen. Zu Hause sind die Kirchen oft nicht einladend. Wenn man da reingeht, ist es kalt. Das ist hier anders.“

„Dieses ständige: Sie gehen nicht mehr in die Kirche! greift viel zu kurz. Wir setzen uns doch mit diesen Fragen auseinander. Nur hat die ältere Generation oft ein anderes Verständnis von Kirche. Gleich am Anfang hat mich in Taizé überrascht, wie sehr mir vertraut wurde. Es ging nicht so sehr darum, ob ich alles genau im Sinn von irgendwelchen Vorschriften machte, sondern es hieß einfach: Mach doch mal, probier doch mal, und mal sehen, was daraus wird. Das kannte ich sonst nicht. Ich habe den Eindruck, daß viele in unserer heutigen Gesellschaft unter einem großen Druck leiden. Wir leben in einer perfektionistischen Welt, wo wenig Raum ist, etwas auszuprobieren. Es gibt wenig Nischen für Kreativität. Und gerade wir Jugendlichen suchen und brauchen solche Räume. Mein Wunsch, mein Traum wäre, daß in den Kirchengemeinden genau das möglich ist. Das dort ein angstfreier Raum ist, wo ausprobiert werden darf, wo man nicht perfekt sein muß. Ich habe den Eindruck, daß viele von Kirche weg bleiben, weil sie dort nicht noch mehr von dem selben Druck haben wollen, den sie schon in der Gesellschaft spüren. Die Kirche könnte da doch gegenspielen und Mut machen, sich in Verantwortung zu üben.“

Johanna Innerhofer stellte diesen Beitrag für die in Nürnberg erscheinende evangelische Mitarbeiterzeitschrift „das baugerüst“ zusammen. Er erschien in der Ausgabe 2/2001. Sie studiert Sozialpädagogik in Benediktbeuern und ist langjährige Mitarbeiterin in einem kirchlichen Verband in Südtirol. Sie nimmt regelmäßig an den internationalen Jugendtreffen in Taizé teil.


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