Ein Tag in Taizé
Ich kann gar nicht glauben, dass heute schon Mittwoch ist
Die Zeit hier in Taizé vergeht wie im Flug und ich fange schon an, mir Gedanken über den Abschied am Sonntag zu machen. Da heute jedoch so schönes Wetter ist, denke ich nicht weiter darüber nach, sondern freue mich auf den neuen Tag, der vor uns liegt. Auf dem kurzen Weg von unserer Baracke zum Waschraum stellen Friederike und ich fest, dass es schon ziemlich warm ist, obwohl wir noch nicht mal 8 Uhr haben. Bei den Waschbecken müssen wir erst einmal warten. Jeder versucht so lang wie möglich zu schlafen und trotzdem noch pünktlich zum Morgengebet zu kommen, das um 8.15 Uhr beginnt. Auch wir beschließen uns zu beeilen, was bei dem kalten Wasser auch nicht schwer fällt ![]()
Taizé-Gesänge und Vogelgezwitscher
Gerade rechtzeitig bevor das erste Lied in der Kirche angestimmt wird, kommen wir herein. Wir suchen uns einen freien Platz auf dem Teppich zwischen einer Menge von anderen Jugendlichen. Ich beginne den Tag gerne auf diese Art und Weise. Jetzt schon weiß ich, dass mir das allmorgendliche Gebet in dieser Form zu Hause sehr fehlen wird. Einfach nur dasitzen, Taizé-Gesänge singen, dem Bibeltext in verschiedenen Sprachen lauschen und während der ca. 10-minütigen Stille zur Ruhe kommen. Durch die Fenster schleichen sich einige Sonnenstrahlen ins Kircheninnere, ich höre die Vögel zwitschern… Das Gebet ist zu Ende, als Frère Roger die Kinder, die bei ihm sitzen, an der Hand nimmt und mit ihnen Richtung Altar läuft. Ebenso erheben sich auch die etwa 100 anderen Brüder und man sieht, wie sie in ihren weißen Gewändern die Kirche verlassen.
Erst beten, dann arbeiten
Kurz darauf machen Friederike und ich uns auf den Weg zum Frühstück. Wir laufen Richtung Olinda, wo die Familien untergebracht sind, um unseren täglichen Arbeitsbeitrag für diese Woche zu leisten. Er besteht darin, dass wir jeden Morgen zwischen 10.30 und 12.00 Uhr die Kinder betreuen, während die Eltern sich zu kleinen Gesprächsgruppen zusammentun. Bei unserer Ankunft am Sonntag hatten wir uns zwischen verschiedenen Möglichkeiten, wie Chor, Baracken- oder Kloputzen, für diese Alternative entschieden. Das Familiencamp Olinda befindet sich im nächsten Dorf namens Ameugny. Den Weg haben wir in 10 Minuten zurückgelegt. Wir gehen zunächst in die Küche um das Frühstück für die „Animateure“, wie wir hier genannt werden, zu holen. Der Kakao ist zwar besser als der, den die anderen Jugendlichen bekommen, aber auch hier gibt es nur Weißbrot, Butter und ein Stück Schokolade.
Reispampe aus der “No-Meat-Line“
Nach dem Ende des Kinderprogramms geht es wieder zurück nach Taizé. Mit unseren Essensmarken in der Tasche laufen wir zur Kirche, wo jetzt das halbstündige Gebet stattfindet. Direkt im Anschluss ist Mittagessen angesagt. Da wir durch die „No-Meat-Line“ (die Essensausgabe für Vegetarier) gehen, bekommen wir im Gegensatz zu allen anderen noch ein Stück Käse dazu. Das Hauptgericht, „Reispampe“ mit Gemüse, unterscheidet sich kaum von dem mit Fleisch, so dass wir heute einen guten Tausch machen. Das Essen schmeckt wie immer besser, als es aussieht. Dafür dass für über 4.000 Leute gekocht wird, kann man sich wirklich nicht beklagen. Und wo schon genießt man einen solchen Service, die ganze Woche nicht spülen zu müssen
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Eigentlich Stille
Nach dem Essen treffen wir uns mit Philipp, den wir bereits von letztem Jahr kennen. Bepackt mit einer Decke, Schreibzeug und Postkarten machen wir uns zu dritt auf den Weg zur Quelle und zu den anliegenden Seen. Wir müssen ein ganzes Stück bergab laufen. Unten angekommen ist die Wiese schon ziemlich überfüllt. Obwohl hier eigentlich Stille herrschen sollte, ist es im vorderen Bereich ziemlich laut. Wir laufen einige Meter und breiten unsere Decke in der prallen Sonne aus. Wir verbringen eineinhalb Stunden am See, indem wir reden, Karten schreiben oder einfach nur in der Sonne liegen.
Mit Portugiesen
Wir laufen zur Kirche, wo sich die Leute nach der Bibeleinführung durch einen Bruder in kleine Gesprächsgruppen aufteilen. In unserer Gruppe werden wir schon von den portugiesischen Jungs erwartet. Es dauert eine Weile, bis sich eine richtige Unterhaltung entwickelt. Das Thema heißt „Vergebung und Versöhnung“. Während wir darüber diskutieren, kommen wir schnell zu Themen wie Liebe, Fremdgehen usw. Und driften immer mehr von Glaubensgesprächen zu privaten Dingen ab.
Nachtleben
Zum Abendessen gibt es mal wieder Kartoffeln und Karottengemüse, dazu total leckere Bratwürstchen. Zumindest schmecken sie mir! Friederike, die neben mir auf der Mauer sitzt, ist nicht so begeistert von dem verkohlten Etwas und tritt es gerne an mich ab. Nach dem Essen bleibt uns nicht viel Zeit, da viertel vor acht das „Animateur“-Treffen stattfindet. Dort bekommen wir das Kinderprogramm für den morgigen Tag erklärt. Eine halbe Stunde später dampfen wir wieder ab zum Abendgebet. Nachdem der offizielle Teil zu Ende ist und die Brüder die Kirche verlassen haben, bleiben wir noch eine Weile sitzen.
Dann geht es auf zum Oyak, dem allabendlichen Treffpunkt. Neben Pizza, Hot Dog, Kaffee und heißer Schokolade kann man dort auch einen Becher alkoholfreies Bier erstehen. Pro Person und Kauf jedoch nur einen! Unterhalb des Kiosks haben sich bereits diverse Gitarrenkreise gebildet. Aus der einen Ecke tönt es „Bye, Bye Miss American Pie“, aus der anderen hören wir italienische und portugiesische Lieder.
Nachts in der Kirche
Leider ist es viel zu schnell halb zwölf, was man daran merkt, dass das Licht in immer kürzeren Abständen ausgeschaltet wird und kurz darauf die Nightguards kommen, um uns in die Baracken zu scheuchen. Da wir noch nicht so müde sind, gehen Friederike und ich noch in die Kirche, wo etwa 200 Leute sitzen und singen. Gegen halb eins gehen wir schlafen. Als ich in meinem Zimmer liege – gemeinsam mit 15 anderen Mädchen – freue ich mich zwar, dass heute so ein schöner Tag war. Es bedeutet aber auch, dass schon wieder ein Tag vorbei ist und die Abfahrt langsam aber sicher näher rückt.
Rückblick
Mittlerweile ist der Aufenthalt in Taizé vorbei. Obwohl ich mit meinen Eltern schon seit vielen Jahren dorthin fahre, und inzwischen 19mal auf dem Hügel war, hatte ich bisher kein einziges Mal das Gefühl der Übersättigung. Ich lerne nicht nur viele Jugendliche aus aller Welt kennen, sondern fange auch an, mich selbst und meine Beziehung zu Gott besser kennenzulernen. Trotz des ausgefüllten Tagesprogramms und der vielen Menschen fühle ich mich ihm während der Gebete sehr nahe. Der Abschied von Taizé ist zwar nicht immer leicht, aber dadurch, dass ich dort so richtig auftanken kann, erfahre ich für meinen Alltag und meinen Glauben eine enorme Stärkung. Es ist einfach faszinierend, dass Tausende von Jugendlichen aus den unterschiedlichsten Konfessionen an diesem Ort zu einer Gemeinschaft werden, gemeinsam singen, beten und den gleichen Gott loben.
Doro Jope schrieb den hier leicht gekürzten Beitrag für TeensMag. Er erschien im Sommer 2000.
