Dreimal täglich Ebbe und Flut

In den Sommerferien 2003 war eine Gruppe von 34 Jugendlichen mit dem Landesjugendpfarrer Karsten Minkner für eine Woche in Taizé. Dort trafen sie weitere Gruppen aus Berlin und Brandenburg. Eigentlich ist Taizé nur ein kleiner Ort im französischen Burgund. Was zeichnet diesen Ort aus, dass jährlich Zehntausende dorthin fahren?

Was ist das Geheimnis von Taizé? Was macht diesen Ort aus, dass Woche für Woche in den Sommerwochen 3000 – 6000 Jugendliche aus etwa 100 Nationen sich zusammenfinden? Ist Taizé eine Masche oder Mode, ein evangelischer Lourdes-Ersatz? Besteht nicht die Gefahr dass dieser Ort zu einem spirituellem Event verkommt? Oder rollt da eine Dauer-Welle auf der ein frustriertes Normalchristentum mitsurft? Was bringt Jugendliche aus der Uckermark und aus Wedding und Kreuzberg, aus Lichtenberg und aus Spremberg dazu, für eine Woche mit einfachstem Essen und Unterkunft Vorlieb zu nehmen? Was treibt junge Menschen dazu, sich in einem vollen Tagesablauf mit Gebeten, Gesängen, Gesprächsgruppen und Abwasch oder Mülltonnen leeren einzufügen?

Beten

Wer das Treiben in Taizé beobachtet, könnte meinen, dass dort drei mal täglich Ebbe und Flut gibt. Morgens, mittags und abends strömen die Menschen in die Kirche. Alle sitzen sie da auf dem harten Fußboden, hören den Bibelworten und kurzen Gebetsversen in verschiedenen Sprachen zu, singen und schweigen – minutenlang. Nach den Gebeten strömt es dann wieder in Massen zurück: zum Essen, zu den übernommenen Arbeiten oder zu Treffen in Kleingruppen. Den Rhythmus, der die Woche bestimmt, bilden die Gebete, zu denen einen die Glocken rufen. Wer nicht herausfinden will, was beten für ihn ist, wer nicht Zeit zur Stille sucht, der wird sicher etwas unbefriedigt wieder abfahren. „Wie man betet, sagt einem hier in Taizé keiner.“ „Hier habe ich begriffen, dass ich zu Gott beten kann wie ich will.“ Man erlebt die 45 bis 60-minütigen Gebete und ist dabei, macht mit. Vor allem die Gesänge bleiben im Ohr. Meistens sind es nur Einzeiler. Und die werden dann 25 bis 30 Mal wiederholt. Beim ersten Mal zählt man noch erstaunt mit. Wenn man sich auf die teilweise fremden Sprachen einlässt, dann merkt man irgend wann: Je öfter und länger ich ein Lied singe, desto mehr denke ich über das nach, was ich singe. Man muss nicht auf den Text von vielen Versen achten. Man meditiert einen Gedanken. Die Melodie trägt einen während man die kurzen Gedanken oder Verse sich auf der Zunge zergehen lässt. Das ist (auch) beten. – Eine mehrmalige Taizé-Besucherin berichtet: „Ehe man sich versieht, singt oder summt man bei einer ganz anderen Gelegenheit eine Melodie. Dann singt es, dann betet es in einem.“

Stille wird gesucht

Was woanders nicht klappt, hier geht es. Die Jugendlichen erzählen, dass ihnen die Zeit der langen Stille kein Problem ist. Ihre Gedanken kreisen um ein gehörtes Bibelwort, um Probleme zu Hause, um die Gespräche des Tages. „Da kann ich gar nicht anders als auch mit Gott darüber reden“, sagt ein Jugendlicher. Bei diesen täglichen Gebeten gibt es keine Predigten oder Auslegungen. „Mir sagt keiner vor was ich zu glauben habe, mich textet keiner zu.“ Kein Guru und kein Starprediger spricht. Alle sind ausgerichtet auf den Altarraum der nur durch Kreuz und Altar, viele Kerzen und orangeleuchtende Stoffbahnen gefüllt ist. Für den Austausch und das Gespräch über den Glauben und Bibeltexte ist sowieso jeden Tag Zeit eingeplant.

Nach den Abendgebeten lehrt sich die Kirchen erst langsam. Viele bleiben noch sitzen, singen weiter oder nutzen den mehrstimmigen Gesang für die eigene Stille. „Ich bin mit nach Taizé gefahren, weil ich Ruhe gesucht habe, weil ich mir in ein paar Dingen klarer werden wollte.“ Oder ein anderer gibt ganz offen zu: „Ich habe vor zwei Wochen entschlossen mit dem Kiffen aufzuhören. Hier will ich mir mit klarem Kopf über mein Leben Gedanken machen.“

Die Sehnsucht nach Gott ist schon der Anfang des Glaubens

Wer nach Taizé fährt muss sich nicht einem Glaubens-TÜV stellen. Viele kommen dorthin und sagen es ganz offen, dass sie „nichtchristlich“ sind. Sie kommen mit mehr Fragen als Antworten nach Taizé. Aber für Frère Roger, den Gründer des ökumenischen Ordens, ist die „einfache Sehnsucht nach Gott … schon der Anfang des Glaubens“ Gerade bei den Bibeleinführungen durch Brüder und den anschließenden Gesprächsgruppen sind Fragen und Zweifel erlaubt. In den Kleingruppen (acht bis zehn Leute) trauen sich die Jugendlichen offen auszusprechen, was sie zu Hause in der Clique oder im Freundeskreis nie sagen würden. Man merkt: Gegenüber schwedischen, litauischen, polnischen, und spanischen Jugendlichen kann man ganz offen sein. Von ihnen hat man nichts zu befürchten. So wächst eine Atmosphäre der Offenheit. Man erfährt wie andere mit ihren Fragen und Zweifeln umgehen. Gemeinsam wird nach Antworten gesucht und man merkt, wie es in anderen Ländern ähnliche aber auch ganz andere Probleme in der Kirche und im Alltag gibt. So werden am Ende der Woche Anschriften und E-mail-Adressen ausgetauscht, um über Konfessionen und Grenzen hinweg weiter in Kontakt zu bleiben.

Multikulturell, international und ökumenisch

Was Jugendlichen von diesem Hügel in Frankreich mitnehmen ist auch die Erfahrung, dass in dieser Wochen Menschen aus etwa 100 Nationen (Europa, Asien und Afrika) und verschiedenen Hautfarben miteinander leben können. „Hier merke ich, dass Streitigkeiten auch anders als mit Gewalt, wie bei mir an der Schule gelöst werden können.“ Die Brüder, aus den verschiedensten Kirchen kommend, leben es vor und die Jugendlichen machen es nach, wenn abends getanzt und musiziert wird. In Taizé machen viele die Erfahrung, dass die Menschenfamilie auch anders aussehen kann als heillos zerstritten, kulturell undurchlässig und politisch festgelegt. Das gelebte Zeichen für eine Einheit der Christenheit ist ansteckend. Kirche muss nicht konfessionelle Grenzen und Mauern zementieren, sondern die Einheit des Leibes Christi kann man entdecken und erleben.

Europäischen Jugendtreffen in Hamburg

Die Bruderschaft ist von dem Gedanken beseelt, dass das Evangelium als Versöhnung des Menschen mit Gott auch Versöhnung stiftet in einer unversöhnten Welt. Seit mehreren Jahren finden immer über Sylvester und Neujahr in Metropolen Europas besondere Jugendtreffen statt. Nach Madrid und Prag ist zur Jahreswende Hamburg dran. Etwa 50.000 Jugendliche werden zum diesjährigen Europäischen Jugendtreffen erwartet. Es soll ein Zeichen der Hoffnung in einer von Gewalt und Krieg, von Rassismus und Egoismus gekennzeichneten Welt gegeben werden.

Einfachheit die zu Nachahmung einlädt

Was man in Taizé mitbekommt ist, dass vieles ganz einfach geht. Aufwendiges ist nicht unbedingt notwendig. Das zeigen schon die einfachen Unterkünfte in Zelten und Baracken oder das einfache (aber ausreichende) Essen. Auch die Gebete sind einfach gehalten. Sie fordern zur Nachahmung auf. Es braucht nicht viel, solche Gebete zu Hause in der Gemeinde abzuhalten. Einen Pfarrer braucht es jedenfalls dazu nicht.

Karsten Minkner


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