Der Mönch aus Burgund faszinierte in Budapest Europas Jugend

„Gott drängt sich nicht auf, deshalb ist es wichtig, dass auch wir uns nicht aufdrängen“: Die behutsamen Worte des Gründers der ökumenischen Mönchsgemeinschaft im burgundischen Taizé, Frère Roger, in der Budapester „Hungarexpo“-Messehalle verfehlten nicht ihren Eindruck auf die jungen Leute aus allen Teilen Europas, die zum Taizé-Jugendtreffen an der Jahreswende in die ungarische Hauptstadt gekommen waren. 

Frère Roger erzählte diesmal bei den Abendgebeten in der nüchternen Halle viel von den ersten Schritten seiner ökumenischen Mönchsgemeinschaft. Und er machte deutlich, worum es den Brüdern geht: „Wir Brüder möchten Menschen sein, die einfach zuhören“. Der 86-jährige Gründer, dessen charismatische Ausstrahlung auf junge Menschen ungebrochen ist, ließ seine Spiritualität der Einfachheit aufleuchten: „Seit 60 Jahren versuchen wir in unserer Gemeinschaft zu erfassen, was die Einfachheit bedeutet, die Einfachheit im Herzen und die Einfachheit im Leben“. Das Gebet sei etwas „ganz Einfaches und daher etwas allen Zugängliches“, unterstrich Frère Roger: „Im Leben jedes Menschen gibt es Stunden leidvoller Prüfung wie auch Stunden hellen Lichtes. Das Evangelium erinnert uns daran, dass Christus in jedem Augenblick bei uns anklopft und von uns eine ganz einfache Antwort erwartet“. Frère Roger machte aber auch deutlich, dass diese Antwort nicht eine Sache vieler Worte ist: „Wenn unsere Lippen verschlossen bleiben, sprechen doch unsere Herzen zu Gott und Gott versteht uns“.

Den 70.000 Jugendlichen gab der Gründer der Gemeinschaft von Taizé eine „einfache“ Botschaft mit: „Eine Frage bleibt: Seid ihr nach eurer Rückkehr zuhause Menschen, die sich selbst geben, um Frieden zu stiften und Vertrauen zu bilden?“ In der Zeit nach dem 11. September eine mehr als aktuelle Aufforderung und Herausforderung.

Die Budapester Pfarrgemeinden – katholische, lutherische, reformierte und orthodoxe – hatten eine beeindruckende, typisch ungarische Gastfreundschaft entwickelt; 25.000 Familien nahmen jugendliche Rucksackpilger auf. Frère Wolfgang von der Mönchsgemeinschaft meinte, die Gastfreundschaft hänge in keiner Weise von materiellem Wohlstand ab, sie sei aber ebenso zukunftweisend wie die Erführung des Euros. Es seien „tiefgehende, unspektakuläre Tage in einer an Schlagzeilen nicht armen Zeit gewesen“, bei denen es möglich gewesen sei, sich in aller Ruhe mit Gleichaltrigen über die ganze Vielfalt Europas zu verständigen. Nach fünf Tagen in Stille und Gebet, Begegnung und Arbeit an brennenden Themen hätten die jungen Leute Hoffnung geschöpft, dass „Horizonterweiterung“ in Kirche und Gesellschaft zuhause möglich ist.

Bischof Bela Balas von Kaposvar, der Vorsitzende der Jugendkommission der Ungarischen Bischofskonferenz, fasste seine Eindrücke vom 24. Jugendtreffen von Taizé, so zusammen: „Seit Jahrhunderten kämpft Europa mit den Spaltungen – philosophischen, religiösen geopolitischen. Der Grund für die Zerstückelung liegt einerseits im Intellektuellen, aber ich meine, dass er wesentlich einer Erkaltung der Herzen zu verdanken ist. Hier bringt Taizé Heilung. Bei den Jugendtreffen bleibt es nicht bei intellektuellen Debatten, sie stehen vielmehr in enger Verbindung mit der Welt des Schönen, der Musik und des Gebets, und dadurch wird eine irregeleitete Welt versöhnt“.

„Ich habe wieder richtig Mut und Kraft getankt“: So wie die 27-jährige Münchnerin Inka denken viele, die in Budapest dabei waren. Insgesamt 70.000 Jugendliche ließen das Jahr in der ungarischen Hauptstadt ausklingen. Ein Trend setzte sich auch diesmal fort: viele kamen aus den Reformstaaten – allein 26.000 aus Polen, 20.000 aus dem Gastgeberland, 4.000 aus Rumänien und 3.000 aus der Ukraine. Aus Deutschland, Österreich und der Schweiz reisten rund 3.000 Besucher an.

Es war keine „abgehobene“ Veranstaltung: Die Ereignisse seit dem 11. September des Vorjahrs waren auch in den Worten und Herzen der Jugendlichen aus allen Teilen Europas präsent. Aber auch in schwierigen Zeiten müssten Christen „Diener des Vertrauens“ sein und nicht „Meister der Angst“, sagte Frère Roger. Er erinnerte die Jugendlichen daran, dass „Verzeihung wie ein neues Leben ist, das in uns beginnt“. Es sei wichtiger, andere zu verstehen, als selbst verstanden zu werden. Vertrauen in diesem Sinn bewiesen auch die Organisatoren der Jugendversammlung auf dem Budapester Messegelände: Taschen und Rucksäcke wurden nicht kontrolliert. „Das hätte dem Prinzip des Pilgerwegs des Vertrauens widersprochen“, betonte die 27-jährige Orsi, eine von rund 3.000 Helferinnen und Helfern. 

Dieser Beitrag erschien am 07.01.2002 in der österreichischen Nachrichtenagentur Kathpress als Korrespondentenbericht von Alexander Reiser und Hilde Regeniter


Suche
Podcasts
Admin