Jetzt weiß ich es wieder!

Das Europäische Jugendtreffen begann für uns dieses Jahr ziemlich chaotisch. Nicht nur, daß es in den letzten Tagen und auch am Tag der Abfahrt so viel geschneit hat, daß alles von oben bis unten und von hinten bis vorne weiß war, sondern es waren leider auch die Straßenverhältnisse so schlecht, daß unser Bus schon mal mit eineinhalb Stunden Verspätung hier in Regensburg ankam und auch die Weiterfahrt dementsprechend verzögert wurde.

Wir sind erst um ca. 14 Uhr in Budapest, eigentlich viel zu spät und fix und fertig angekommen und wurden sehr, sehr nett beim Deutschen Empfang begrüßt. Und nachdem wir dann auch noch einige Brüder von Taizé und ein paar andere nette Leute getroffen haben, war alles schon nicht mehr ganz so schlimm und wir haben auch die noch folgenden “Strapazen” bis zur Gast-Gemeinde (eine Stunde Straßenbahn, 4 km Fußmarsch) gerne auf uns genommen. Beim Empfang in der Gemeinde hat sich leider alles noch mal ziemlich in die Länge gezogen, und wir mußten nochmals ca. eineinhalb Stunden warten, um eine Unterkunft zugeteilt zu bekommen. Und irgendwie konnte ich genau in dieser Schlange vor der “Registration” in Pomaz das erste Mal wieder erleben, was es heißt, auf einem Europäischen Jugendtreffen zu sein! Klingt eigenartig, aber es stimmt!

Stellt euch vor: Ihr kommt viel zu spät in eine Pfarrgemeinde, seid fix und alle und wollt euch einfach nur irgendwo hinsetzen… In diesem Moment denkt – wenn man mal ehrlich ist! – jeder zweite nur noch darüber nach, was er denn eigentlich hier tut und warum er nicht einfach zu Hause geblieben ist und jetzt gemütlich auf dem Sofa liegt!

Jedenfalls ist man sich ja darüber im klaren, daß man – schon allein deshalb, weil man einfach schon viel zu spät dran ist und einfach schon ca. 450 Menschen vor einem da waren! – weiß man also, daß man wohl die nächsten Tage in einer Turnhalle auf dem Boden übernachten wird und es auch nicht hundert Prozent sicher ist, daß man so schnell mal wieder eine Dusche sieht!

Aber: Die Jugendlichen, die uns in Empfang nehmen, sind so nett, daß es sowieso auf einmal völlig egal ist, wo sie einen in den nächsten Tagen hinstecken, weil sie eine Begeisterung ausstrahlen und so viel Arbeit auf sich genommen haben – ohne darüber nachzudenken, ob sie überhaupt jemals ein klitzekleines Danke dafür zu hören bekommen! Versteht Ihr, was ich meine? Die stellen sich den ganzen Tag in ihre Schule und empfangen Leute, die sie noch nie in ihrem Leben gesehen haben, und strahlen dabei eine Freude aus, daß man nur noch staunen kann und sich mit einem mal wieder darüber klar wird, was es heißt, GEMEINSAM auf dem Weg zu sein!

Daß diese netten Leute uns dann auch noch eine GASTFAMILIE aus dem Ärmel geschüttelt haben, grenzte für mich in dieser Situation ehrlich gesagt an ein Wunder! 

Und dann durften wir das erleben, was das Europäische Jugendtreffen zum Europäischen Jugendtreffen macht: Wir wurden zu VIERT Attention in eine Familie aufgenommen. Fast nicht zu glauben! Unsere Gastmama hat uns so herzlich empfangen, daß man innerhalb von fünf Minuten vergessen hat, daß man noch vor einer Stunde überlegte, warum man überhaupt nach Budapest gefahren ist. JETZT WEISS MAN ES WIEDER!

Ich glaube nicht, daß man auf eine andere Art und Weise ein fremdes Land und seine Menschen so gut und vor allem so einfach kennenlernen kann! Man betritt die Gemeinde, das Wohnhaus und schon hat man das Gefühl, einen ganzen Berg neuer Freunde gefunden zu haben, und man ist sich mit einem Mal klar, daß man gar nicht allein ist auf der Welt!

Als dann das erste Gebet in der Gemeinde stattfindet, begreift man noch viel mehr, daß man zwar in einem fremden Land ist, aber man doch irgendwie “zu Hause”. Man sitzt einfach da, singt und betet zusammen, oft auch in Sprachen die einem fast einen Knoten in die Zunge machen. Und doch merkt man, daß wir ZUSAMMEN auf dem GLEICHEN Weg sind – ob man nun aus Deutschland, aus Polen, Spanien oder Ungarn ist! Und genau das ist ein Gefühl, das mich gerade am Ende oder zum Beginn eines neuen Jahres unglaublich tragen kann!

Daß man in diesen Tagen natürlich auch unglaublich viel sehen, entdecken, besuchen und anschauen kann, macht das ganze noch mal mehr interessant! ….und vor allem trifft einfach dauernd Menschen, die leise einen Gesang aus Taizé vor sich hinpfeifend über die Kettenbrücke laufen, sich den Stephansdom anschauen usw. Kann man es irgendwo anders erleben, daß ein GANZER Linienbus Taize-Gesänge singt? Das war so schön, daß wir dann gleich mal zwei Runden mit dem Bus gefahren und gar nicht mehr ausgestiegen sind! Und es kamen immer neue Leute in dem Bus und trotzdem wurde weitergesungen! Wenn ich jetzt so drüber nachdenke, finde ich kann man das mit unserem Leben vergleichen: Es kommen ständig neue Leute, man trifft ständig neue Menschen, und doch wird man immer weitergetragen, verliert man das eigentliche Ziel nicht aus den Augen!

Was für mich die Tage in Budapest noch ausmachen: Ich habe Zeit, still zu werden und über ganz viel nachzudenken. Und zum anderen sind es die Gespräche, die sich praktisch IMMER irgendwie zu den unglaublichsten Zeitpunkten ergeben! Es wäre für mich zum Beispiel zu Hause furchtbar nervig, jeden Tag vier bis fünf Kilometer zur Straßenbahn zu laufen – und das bei so einem so kalten Wetter! Aber beim Treffen: Man hat immer irgendwelche interessanten Menschen neben sich, die einem während dem ganzen Weg so viel erzählen können! Und vor allem sind das eine “Schönes-Wetter-heute-bis-dann”-Gespräche, sondern es sind fast IMMER sehr persönliche und tiefgehenden Gespräche! Ich habe schon sehr oft darüber nachgedacht, woran das liegen, könnte, daß man in Taizé oder auf den Jugendtreffen derartige Gespräche führt, während man zu Hause nie auf die Idee kommen würde, mit fremden Leuten über Gott und die Welt zu reden, sich Rat zu holen, ihre Ansichten anzuhören und ja, auch über seinen Glauben zu sprechen!

Ich glaube, es liegt daran, daß man auch auf den großen Treffen genug Zeit findet, in Ruhe über einiges nachzudenken und daß man platzten würde, wenn man es nicht jemanden erzählen könnte. Außerdem weiß man ja, daß die Menschen – genau wie ich selber auch – auf der Suche sind! Und uns unglaublich viel verbindet! Letztendlich kann ich sagen, daß – so stressig diese Tage auch hin und wieder sind – sie einem so viel KRAFT geben!

Steffi, Regensburg


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