Ganz bei mir und ganz in der praktischen europäischen Solidarität
„Woher nehmen Jugendliche den Mut, manchmal in alten Bussen quer durch ganz Europa zu fahren, um mitten im Winter an einem Treffen teilzunehmen, das mit so einfachen Mitteln auskommen muss?“ fragt Frère Roger, Gründer der ökumenischen Brüdergemeinschaft von Taizé, während eines Gebets am 26. Europäischen Taizé-Jugendtreffen zum Jahreswechsel in Hamburg.
Ja, manchmal frage ich mich auch, was ich hier bei diesem Gebet in der Hamburger Messehalle eigentlich mache, denke ich mir und versuche meine schmerzenden Gelenke erträglich auf die Sitzmatte am Fußboden zu ordnen. Ein Lied noch, dann wird es still, Zehntausende sitzen da – und schweigen.
Gemeinsam mit 55000 anderen (darunter knapp 200 ÖsterreicherInnen) bin ich hierher nach Hamburg gekommen. Aufgenommen in einer Pfarre im Südosten der Stadt ist mir ein Quartier bei einer Familie zugewiesen worden; diese ist für das Treffen kurzfristig zusammengerückt und hat zwei Zimmer freigemacht – gratis für „Wildfremde“ wie mich. Ob ich zuhause das Gleiche getan hätte, frage ich mich.
Gleich nach der Ankunft im Quartier bin ich weiter ins Messegelände; Sonderbusse waren organisiert, in der S-Bahn-Station hat mir ein Laufschrift-Gruß an uns PilgerInnen entgegengeblinkt. Auch im öffentlichen Leben sind wir offenbar willkommen.
Die Essensausgabe für 55000 ist ohne Drängerei verlaufen, ich habe nebenbei sogar ein paar Brocken Polnisch gelernt bei den Leuten, die gerade um mich gestanden sind. Alles ist einfach, aber perfekt abgewickelt worden – nicht wegen irgendwelcher AufpasserInnen, sondern weil jedeR gewillt war zum guten Zusammenleben und zur Solidarität.
In den nächsten Tagen wird es weiter gehen mit Morgengebeten und Gesprächsgruppen in der Pfarrgemeinden; Mittagsgebeten und Mittagessen, Workshops, Abendessen und Abendgebeten in den Messehallen. Was mich wohl erwartet? Ob wir uns überhaupt verständigen können, PolInnen, ItalienerInnen und all die anderen?
Was mich mit diesen Menschen, mit den Hamburger GastgeberInnen ebenso wie mit den Leuten aus ganz Europa, die ich bei den Workshops, in der U-Bahn oder sonst irgendwo treffe verbindet, fällt mir beim Gebet ein, mitten im Schweigen: Wir könnten nicht in dieser Weise beisammen sein, hätten wir nicht eine gemeinsame Grundlage, die uns antreibt nach Hamburg zu kommen, offen auf die Menschen zuzugehen, hier zu sitzen, zu schweigen und zu beten: die Erfahrung des Glaubens, die – auch wenn sie noch so minimal erscheint, doch größer sein muss als das Misstrauen und Probleme zwischen verschiedenen Nationen, als die Sorge, ob mein Essen richtig gewürzt war oder meine Beine jetzt schmerzen oder nicht.
Es ist wohl diese Mischung aus persönlichem inneren Leben einerseits, und dem einfachen, solidarischen Zusammensein mit den Zehntausenden andererseits, die den Reiz eines solchen Treffens ausmacht; die Ahnung, dass das Engagement, das für ein friedliches Zusammenleben von Menschen so unterschiedlicher Herkunft nötig ist, viel intensiver und standfester sein kann, wenn es im persönlichen Glauben eine Grundlage hat.
Die Stille ist vorbei, und ich bin froh, hier in Hamburg zu sein; ganz bei mir und ganz in der praktischen europäischen Solidarität.
Walter aus Graz, für die Steirische Kirchenzeitung
