Auf Pilgerfahrt des Vertrauens
Gebet
September 2005. In dem schlichten, unbeheizten Saal drängen sich an die 200 Jugendliche. Sie sind aus allen Ländern Europas gekommen. Viele aus Deutschland und Polen, aber auch aus Italien, Frankreich, Schweiz und vielen anderen Ländern. Es herrscht eine fröhliche Stimmung. Als der junge Bruder zu sprechen beginnt, wird es schnell ruhig. Wie in den Tagen zuvor lesen wir gemeinsam eine Bibelstelle – jeder hat zuvor den Text in seiner Sprache erhalten. Als der Bruder zu erzählen beginnt, hängen wir gebannt an seinen Lippen. Noch nie zuvor habe ich eine so gute Bibelauslegung erlebt. Texte aus dem Evangelium, zu denen ich vorher keinen Zugang hatte, bekommen auf einmal eine Bedeutung. Und Dinge, die mir zuvor kompliziert und unverständlich erschienen, werden auf einmal ganz einfach und klar. Der Bruder ist selbst ein sehr heiterer und lustiger Typ. Wenn er davon erzählt, wie er als neu aufgenommener Mitbruder im Übermut einen Traktor in ein Scheunentor lenkt, können sich die 200 Jugendlichen aus allen Nationen kaum auf ihren Stühlen halten vor Lachen. Und trotzdem ist nichts, was er sagt, flach. Es geht um Erkenntnis, Verzeihen, Liebe und Gebet. Wie die Tage zuvor hoffe ich, er werde noch lange weitersprechen, aber wie immer kommt er viel zu früh zum Ende und schickt uns gnadenlos in die kleinen Gesprächsgruppen, die sich irgendwo auf dem Gelände verteilen und das Gespräch fortsetzen. Dieser Teil des Tages ist mir der Unangenehmste. So wichtig das Gespräch mit den Jugendlichen aus aller Welt auch ist – es ist doch oft ziemlich zäh und anstrengend. Und gerade heute habe ich einen ziemlichen Lagerkoller. Der Weltjugendtag mit seinen Unmassen an Menschen, seinem Lärm und seiner Begeisterung liegt erst ein paar Tage zurück. Und auch die vergleichsweise kleine Anzahl an Jugendlichen in Taizé zehrt an meinen Nerven, die sich nach Ruhe und Einsamkeit sehnen.
Genau an diesem Tag aber weicht der Bruder von seinem üblichen Procedere ab. Nur die Jugendlichen bis 17 Jahre schickt er in die Gesprächsgruppen. Zu uns Übriggebliebenen sagt er:
“So, mit euch habe ich etwas Anderes vor. Dafür sind die Teenager allerdings zu jung, deswegen habe ich sie weggeschickt. Eure Aufgabe ist nun nichts Anderes, als euch einen ruhigen Platz zu suchen und 45 Minuten lang völlig still zu sein. Denn in der Stille könnt ihr beten. Es ist aber wichtig lang genug still zu sein. Am Anfang werden euch vielleicht viele Dinge durch den Kopf schießen. Ihr müsst aber so lange still sein bis euch langweilig wird, und dann noch länger. Denn erst in dieser Stille finden wir Gott. Viele Leute denken, man müsste sich anstrengen um gut zu beten. Gute Worte finden, sich irgendwie in Gott versenken, oder sonst irgendetwas tun. Dabei ist Beten ganz simpel: Man tut einfach gar nichts und ist bloß still.”
Mein Herz hüpft vor Begeisterung über die Aussicht eine Zeitlang gar nichts tun zu müssen und nur still zu sein. Keine größere Freude hätte mir der Bruder heute machen können. Ich gehe allein den langen Weg hinunter zu dem wunderschönen Teich, und lege mich unter eine kleine Weide am Wasser. Es ist ein milder Septembertag und ich schaue durch die tanzenden Blätter hinauf in den blauen Himmel und die Sonne. Im Gegensatz zu den Worten des Bruders ist mir nicht eine Sekunde langweilig. Ich genieße die Ruhe und die Stille. Ich bin glücklich. Aber es ist keineswegs nur diese kleine, unverhoffte Erholungspause, die mich mit solcher Freude erfüllt. Mir ist eine Last von den Schultern gefallen. Nein, ich muss keine Rosenkränze herunterleiern, auf harten Steinböden knien, Gebetsformeln aufsagen oder mir mühsam eine halbwegs ausgewogene Liste an Bitten und Dankeschöns für Gott zusammenlegen, wenn ich mit ihm sprechen will. Gebet war für mich immer etwas gewesen, wofür ich etwas tun musste. Ich brauchte Gott, also musste ich mich anstrengen um mit ihm zu sprechen. Gebet – das war immer eine verkrampfte Anstrengung, zu der man sich irgendwie erst einmal in eine würdige Stimmung zu versetzen hatte. Und jetzt habe ich gerade von einem Taizé-Bruder, also einem ausgewiesenen Gebetsprofi, erfahren, dass ich gar nichts zu tun brauche. Gott spricht ohnehin. Immer. Beten ist ja ganz leicht und das Natürlichste auf der Welt!
Vertrauen
Dezember 2006. Das Gebet ist das Herz von Taizé. Früh, mittags und abends versammeln sich jeden Tag Hunderte, oft Tausende Jugendliche zum gemeinschaftlichen Gebet mit den Brüdern in der weiträumigen Kirche in dem kleinen burgundischen Dorf. Genauso ist es beim Jahrestreffen, jedoch kommen hier Zehntausende. Taizé bedeutet mindestens drei Stunden am Tag Gebet. Es ist mir nie gelungen unter anderen Jugendlichen erfolgreich Werbung für Taizé zu machen. So viel Gebet – wer will das schon? Wenn ich sage, dass Beten in Taizé Spaß macht, halten mich ohnehin alle für völlig durchgeknallt. Allein das Wort “Gebet” löst bei den meisten Jugendlichen unserer Pfarrei eine geradezu allergische Reaktion aus. Deshalb beginnt meine Pilgerfahrt des Vertrauens mit einer Enttäuschung: Trotz intensiver Werbung in meiner Pfarrei und der Nachbarpfarrei will niemand mit mir nach Zagreb fahren. Aber ich bin auf eine Gruppe in München gestoßen, der ich mich anschließen kann. Ich kenne dort niemanden. Es gibt ein Vortreffen am 1. Dezember. Wie würden meine Mitfahrer sein? Werde ich mich wohlfühlen? Meine Bedenken sind rasch zerstreut. Schon beim Vortreffen sitzen wir nach der Besprechung lange ratschend und Gitarre spielend beieinander. Auch die Anderen kennen sich größtenteils untereinander nicht. Wir werden schnell Freunde.
Am Abend des 27. Dezembers treffen wir uns wieder, am Bahngleis 14 in der Halle des Hauptbahnhofs. Schweres Gepäck. Die Fahrt im Schlafwagen verläuft ohne Probleme. Man lernt sich kennen. Man schwitzt wegen der unabschaltbaren Heizung. Oder friert bei offenem Fenster. Wir haben ziemlich viel Spaß. Immer, wenn wir gerade eingeschlafen sind, weckt uns ein Zollbeamter.
Wie schon letztes Jahr in Mailand beginnt das Jugendtreffen am 28.12. mit Stress. Stundenlanges Herumirren und Warten in der Stadt mit schwerem Gepäck, dazwischen Empfang in einer Schule, wo wir einer Pfarrei zugewiesen werden. Nach langer Zugfahrt in eine recht weit entfernte Kleinstadt mit dem Namen Klostar Ivanic und endlich die Aufteilung in die kleinen Gesprächsgruppen und in die Familienunterkünfte.
Mit einem extra für uns eingerichteten Shuttle-Bus geht es schon bald wieder nach Zagreb. Auf dem Messegelände findet die erste gemeinschaftliche Mahlzeit und das Abendgebet statt. Zunächst strömt alles zur Essensausgabe. Eine Menschenkette von freiwilligen Helfern weist uns fröhlich den Weg. Eine Plastiktüte wird jedem von uns in die Hand gedrückt, und wir gehen an einer Reihe von Helfern entlang, von denen jeder etwas in die Tüte wirft. Ein strahlendes Lächeln mit einem freundlichen Gruß in einer meist unverständlichen fremden Sprache gibt es dazu. Das alles dauert kaum eine Minute, so dass man sich fragt, wieso auf dem Weltjugendtag in Köln bei der Essensausgabe ein dermaßen gigantisches Chaos mit stundenlangen Wartezeiten ausbrechen konnte. Für mich ist die Essensausgabe einer der Höhepunkte von Taizé: Mit leeren, ausgestreckten Händen gehe ich an einer Reihe von fremden Menschen vorbei, die mich anstrahlen und anlachen, und innerhalb von ein paar Sekunden finde ich in meiner Hand eine Tüte voll mit Essen. Es erscheint mir jedes Mal als ein reines Wunder.
Anschließend geht es schnell weiter. Helfer mahnen uns zum zügigen Weitergehen, damit kein Gedränge entsteht. Und nach kurzer Zeit finden wir uns in einer anderen Halle wieder, in der wiederum eine menschliche Kette von bestgelaunten Helfern den Weg zu einem Essplatz auf dem Hallenboden weist. Mit dem selbst mitgebrachten Besteck findet nun irgendwie die bescheidene Mahlzeit den Weg in die Speiseröhre. Währenddessen erfreue ich mich an der fröhlichen, summenden Atmosphäre und den singenden, tanzenden Helfern. Den Müll brauche ich nur kurz in die Luft zu halten und schon kommt ein jugendlicher Müllsammler mit großer blauer Tüte angesprungen, für den jedes kleine Stück Plastik ein Anlass zu großer Freude und zu einem strahlenden Lächeln ist.
Sobald der letzte Bissen verdrückt ist, werden wir leider schon wieder ermahnt die Halle zu verlassen um den nachfolgenden Pilgern Platz zu machen. Gerne hätte ich die Atmosphäre noch länger genossen, die fröhlichen Gesichter der vielen jungen Menschen studiert, fremde Sprachen zu erraten versucht oder wenigstens das Programm für die kommenden Tage gelesen. Nach einem kurzen Boxenstop in einer Dixie-Toilette schließen wir uns dem Menschenstrom in die Gebetshalle 5 an. Sofort wechselt die Atmosphäre. Überall halten Freiwillige große “Silencio”-Schilder in allen Sprachen hoch. Der Raum dezent gedimmt, vorne eine riesige Wand aus leuchtend orangenem Stoff, strahlendem Licht und Kerzen. Statt Lärm nur noch leises Gemurmel und unterdrücktes Husten. Bald beginnt die Musik. Tausende Menschen stimmen in den Gesang ein. Der ganze Stress, die Unsicherheit und Anspannung fallen ab. Ich bin endlich angekommen.
Eine Stunde lang tue ich nichts außer still zu sein. Meine Gedanken schwirren herum, Bilder des Tages tauchen auf, verschwinden wieder. Eine Zeitlang höre ich ganz auf zu denken. Ich singe, schweige, höre zu, schalte ab. Das unbequeme Sitzen auf dem Boden ruft mein Bewusstsein immer wieder zurück. Ist das beabsichtigt? Ich wechsele die Sitzposition und von neuem fliege ich davon.
Dann schaue ich in die Gesichter um mich herum. Da ist Müdigkeit, Freude, und vor allem: Frieden. Geschlossene Augen, strahlende Augen, feuchte Augen. Das Gebet ist so schön, weil es sich nicht aufdrängt. Ich muss nichts dazu tun außer still zu sein. Gott spricht ohnehin. In jedem Menschen, in jedem Licht, in jedem Ton spricht Gott. Ich weiß, wenn ich den Raum verlasse, dann wird die wunderbare Musik noch lange in mir nachklingen. Ich denke an frühere Gottesdienste in Freikirchen: Lautes Zungengebet, Halleluia-Rufe, verzückte Menschen in Trance, dazwischen ich – auf der hoffnungslosen Suche nach dem Mauseloch, in das ich mich verkriechen konnte. An evangelische Pfarrer mit ihrer pädagogischen, durchrationalisierten Wohlfühl-Theologie. An fröstelnde katholische Messen mit ihrer komplizierten Liturgie, dem Aufstehen und Hinsetzen, den verbrauchten Liedern und der ewig dröhnenden Orgel. Hier in Messehalle 5 ist alles so einfach. Und schön.
Zu früh schon geht es wieder zum Shuttle-Bus. Nur die Wenigsten ergattern einen Sitzplatz. Der Rest steht kuschelig aneinander gedrängt zwischen den Reihen. Alle sind zum Umfallen müde, aber der Bus vibriert vor guter Stimmung. So viele Sprachen. So viele junge, lebendige Gesichter. Da werden über alle Landesgrenzen Gespräche geführt, Freundschaften geschlossen, Lieder ausgetauscht, Witze gerissen und viel gelacht. Manche schlafen. Was uns verbindet ist das Vertrauen. In die Freundschaft der Anderen. In die Einheit in Christus.
Begegnung
Endlich, um 10 Uhr abends, lernen wir unsere Gastfamilien kennen. Der Gastvater holt Matthias und mich ab. Erster Eindruck: Lustiger Typ, von Beruf Straßenreiniger, leichter Geruch nach Rauch und Alkohol. “Pilgerfahrt des Vertrauens” spreche ich ermutigend zu mir selbst. Mit dem Auto sind wir schnell am Ziel: Ein kleines umgebautes Bauernhaus am Ortsrand. Gemütlich warm. Vier Kinder zwischen 3 und 13, die entweder vor Scham kichern oder unsicher hinter einer Wand hervorlugen. Monika, Matea, Vid und Daniela. Wir sind vielleicht die ersten Ausländer, die dieses Haus betreten. Die Mutter spricht als Einzige ein paar Brocken Englisch, irgendwie verständigen wir uns. Wir fühlen uns auf Anhieb wohl. Unsere Zimmer unter dem Dach sind so niedrig, dass wir uns kaum bewegen können. Die Kinder werden auf das Sofa im Wohnzimmer umquartiert. Die Gitarre stößt vor allem bei dem kleinen, vielleicht achtjährigen Sohn Vid auf großes Interesse. Ich packe sie aus und Matthias und ich singen ein paar Lieder, zum Teil zweistimmig. Das Eis ist gebrochen und unsere Gastfamilie strahlt über beide Ohren. Die älteste Tochter Daniela lächelt bei meinem Anblick immer so verzückt, als wäre ich Brad Pitt und George Clooney in einer Person. Vid darf auch mal ein paar Akkorde spielen. Er wird in den nächsten Tagen zu unserem größten Fan.
Todmüde fallen wir endlich ins Bett und springen augenblicklich hinüber ins Reich der Träume.
Am nächsten Tag fährt uns unser Gastvater zur Klosterkirche im Ortszentrum. 180 Jugendliche sind in dieser Pfarrei einquartiert. Polen, Italiener, Deutsche, Slowenen, Ungarn, Kroaten und Ukrainer. Letztere haben ihren eigenen Popen dabei. Sie gehören der griechisch-katholischen Kirche an, die zu Rom gehört, aber den orthodoxen Ritus befolgt. Ich sehe mir den ernsten, groß und elegant gewachsenen, jungen Popen an, der am Sonntag und Montag mit den katholischen Priestern zusammen den Gottesdienst zelebrieren wird. Sein blonder Bart wächst bereits. Er darf heiraten und Kinder aufziehen. Seine Kollegen neben dem Altar nicht, obwohl alle Priester derselben katholischen Kirche sind. Warum ist die Welt außerhalb von Taizé so kompliziert?
Das Morgengebet verläuft schleppend. Die Musik ist zu langsam. Es kommt keine Gebetsstimmung auf. Meine Nachbarin und ich werden von Lachkrämpfen heimgesucht, weil sich jede einzelne Note ins absurd Endlose zu erstrecken scheint. Am nächsten Tag wird das Problem dank der besorgten Nachfrage der Organisatoren (“Why nobody is singing?”
beseitigt sein.
Nach dem Morgengebet verteilen sich die kleinen Gesprächsgruppen im Kirchenraum und im Pfarrsaal. Ich habe mich als Gruppenleiter gemeldet. Mein Job besteht darin das Gespräch voranzutreiben und den Leuten irgendetwas Sinnvolles aus der Nase zu ziehen. Keine leichte Aufgabe. Aber notwendig. Das Thema geht über die Achtung vor dem Anderen. Wie können wir diese Achtung im Alltag aufbringen? Ich spreche unter Anderem davon, wie wichtig es ist andere Menschen zu fragen, wie es ihnen geht, sei es in der Familie, in der Arbeit, oder unter Freunden. Noch weiß ich nicht, dass ich mich schon am nächsten Tag sehr eindringlich an dieses Gespräch erinnern werde.
Wir sprechen über die Unterschiede in der religiösen Kultur der verschiedenen Länder. Wir Deutschen bedauern die geringe Religiosität in unserem eigenen Land. Die Polen sehen ihre Religion als ein Bündel an Grundregeln des menschlichen Miteinanders. Vor allem sind es die Deutschen, die das Gespräch vorantreiben. Das liegt zum einen an der Sprache, da wir uns auf Deutsch geeinigt haben. Aber wohl auch daran, dass wir Gläubige in unserem säkularen Deutschland unseren Glauben vielleicht stärker herausgefordert und infrage gestellt sehen und deshalb eine andere Diskussionskultur entwickelt haben. Diesen Eindruck gewann ich jedenfalls in dem Jahr, in dem ich selbst in Polen gelebt habe. Trotz dieser Einseitigkeit wirken die Anderen aufmerksam und interessiert. Sie machen manchmal kleine Zwischenfragen und -bemerkungen, bei denen ich spüre, dass sie beteiligt sind und zuhören. Deswegen verzichte ich meist darauf sie zu Aussagen zu drängen. Manchmal ist es aber sehr zäh. Gut, dass Andrea dabei ist, unsere erfahrene Reisegruppenleiterin, die selten um einen Einwurf verlegen ist. Zum Schluss entwickelt sich sogar eine durchaus lebhafte Diskussion. Die einzige Kroatin in der Gruppe versteht allerdings kein Wort. Ich werde am Abend mit den Organisatoren sprechen. Am nächsten Tag wird sie in einer anderen Gruppe sein.
Um elf Uhr schließlich fahren wir gemeinsam und guter Stimmung auf das Messegelände. Mittagessen und Mittagsgebet. Nachmittags entschließe ich mich mit einigen anderen aus meiner Münchner Gruppe zum Besuch eines Workshops. Wir folgen der Einladung der größten muslimischen Moschee in Zagreb. In die Straßenbahn passt keine Maus mehr, viele Zagreber auf dem Weg zu ihren täglichen Besorgungen kommen nicht mehr hinein. Schließlich ergießt sich ein endloser Strom aus den Straßenbahnen und Bussen in Richtung der am Stadtrand gelegenen Moschee. Ihre Kuppel erinnert den einen an ein Atomei, den anderen an zwei aneinander gelegte Muschelschalen. Tausende junger Christen strömen in das Gebäude. Wie werden die muslimischen Gläubigen diese Invasion aufnehmen? Als Geste des Friedens und der Versöhnung? Oder als Bedrohung, derer sie sich erwehren müssen?
Wir stellen unsere Schuhe zu den anderen paar Tausend Paaren. Die Frauen legen ihre Schals elegant um ihre Haare. Wir sind überrascht über die angenehme, warme Atmosphäre im großen Gebetsraum. Grüner Teppich. Dieser Raum wäre wie geschaffen für ein Taizégebet. Welch ein Gegensatz zu den eisigen katholischen Kirchen mit ihren unverrückbaren Kirchenbänken, dem harten, kalten Steinboden, und der überfrachteten Innenausstattung. Ein kleiner muslimischer Frauenchor singt auf kroatisch und arabisch religiöse Lieder. Die meist einstimmigen, fremdartigen Melodien berühren mich. Sie sind melancholisch, ernst, aber auch voller Hingabe und Tiefe. Der anschließende Vortrag des Imams und die Fragerunde interessieren mich nicht sonderlich. Seit ich Taizé kenne und liebe ist mein Glaube an öffentliche Frage- und Diskussionsrunden beständig gesunken. Was bringt es einen islamischen Imam politisch korrekt nach Frauenrechten zu fragen? Und was bringt es, wenn dieser darauf entgegnet, in keiner anderen Religion hätte die Frau so viele Rechte wie im Islam? Ich denke an den Gesang der muslimischen Frauen. Er hat mir mehr gesagt als Worte. In ihm spüre ich die ernste und tiefe Sehnsucht nach Gott, die Muslime mit uns Christen verbindet und zu Gefährten auf demselben Weg macht. Ich wünsche mir mit Muslimen zusammen singen und zu dem einen Gott beten zu können. Es könnte alles so einfach sein. Auf dem Rückweg von der Moschee werde ich mit Andrea darüber sprechen. Vielleicht lässt sich in München etwas auf die Beine stellen.
Die Fragerunde wird für eine Pause unterbrochen. Ein Mann stellt sich vor die hoch aufragende weiße Innenwand der Moschee. Seinen Kopf erhoben, seine Arme leicht ausgebreitet beginnt er zu singen. Er ruft zu Gott. Alle Blicke sind auf ihn gerichtet. Kein Kruzifix, keine Madonna, keine Monstranz vor ihm. Nur die hohe, weiße Wand. Allein, mit leeren Händen steht er vor Gott und erfüllt den weiten Raum mit seiner klagenden Stimme. Ich muss an die Muslime in den Krisenregionen der Welt denken. An ihr Gefühl der Benachteiligung, der erlittenen Ungerechtigkeiten, an die Vergewaltigung ihrer Seelen durch fremde Mächte und durch ihre eigenen menschenverachtenden Despoten. An ihre Verzweiflung, und – natürlich – an den Hass und den Terror, der die Perversion jedes wahren Gottesglaubens darstellt. Wie konnte es so weit kommen? Wie können wir Christen unsere Freundschaft und Liebe an unsere muslimischen Brüder weitergeben?
Erfüllt mit diesen Fragen geht es zurück zum Messegelände. Abendessen, Abendgebet, Rückfahrt, und der Entschluss morgen Mittag eine Auszeit zu nehmen. Um 10 Uhr im Pfarrsaal von Klostar Ivanic noch ein Treffen der Gesprächsgruppenleiter. Dann werden wir von unserer Gastfamilie zu Freunden in der Nachbarschaft gebracht. Glücklicherweise treffen wir dort zwei Söhne an, die gut Englisch sprechen. Der Alkohol fließt reichlich. Ich heize mit meiner Gitarre die Stimmung an. Der Hausherr packt schließlich sein Akkordeon aus. Wir klatschen ausgelassen im Takt. Wir fühlen uns wohl, die Müdigkeit ist vergessen. Irgendwann komme ich auf den Krieg zu sprechen. Luka (einer der Söhne) meint, Kroaten und Serben würden sich ewig hassen, daran sei nichts zu ändern. Er sagt das mit einer gewissen Resignation. Ich verspüre bei ihm selbst keinen Hass. Vielleicht wird sich doch etwas ändern. Franzosen und Deutsche haben früher lange Zeit dasselbe übereinander gesagt. Es hat allerdings einen Weltkrieg gebraucht um etwas zu verändern. Ich wünsche mir, dass Kroaten und Serben es besser machen.
Auf dem Weg in mein Bett fallen mir an der Wand die kleinen Heiligenbildchen und die Photos von der Erstkommunion auf. In deutschen Kinderzimmern ist so etwas kaum zu finden. Der Glaube hat in Kroatien wohl einen anderen Stellenwert. Glaube ist bei uns in Deutschland schon so “privat” geworden, dass er schon nicht einmal mehr im eigenen Zimmer seinen Platz hat. In Wirklichkeit meinen wir doch mit der Privatisierung des Glaubens, die wir womöglich noch als zivilisatorischen Fortschritt feiern, nur die Angst unsere innere Leere mit Anderen zu teilen. In Wirklichkeit können wir selbst nicht mehr glauben, und weil wir vor unserer eigenen Leere erschrecken, versuchen wir jeden Gedanken an Gott und jedes religiöse Symbol aus unserer engeren Umgebung und unserem Bewusstsein zu verdrängen. Wir wollen nicht an etwas erinnert werden, das uns fehlt, nämlich der Glaube an ein sinnerfülltes Leben, an die brüderliche Gemeinschaft aller Menschen, an eine unendliche Liebe und Freude, die alle menschlichen Maßstäbe sprengt.
Einfachheit
Am nächsten Vormittag sprechen wir in den Kleingruppen über die Einfachheit. Was bedeutet es unsere Lebensweise zu vereinfachen? Es bedeutet nicht einfach nur Verzicht auf materielle Dinge. Natürlich können wir dadurch unser Leben vereinfachen. Aber unser Leben kann auch einfacher werden, indem wir lernen uns über das zu freuen, was wir haben. Jedoch entscheidend ist es, sich Tag für Tag bewusst zu machen, was wirklich wichtig ist. Drei Stunden beten wir hier jeden Tag. Diese Zeit braucht es auch um den nötigen Abstand zu den vielen Eindrücken zu gewinnen. Wie viele Menschen in unserer schnelllebigen, hektischen Zeit nehmen sich die Zeit um sich zu fragen, was wirklich wichtig ist in ihrem Leben? Wie viele überfrachten ihr Leben mit Aktivität und fliehen vor genau dieser Frage, weil sie Angst vor ihr haben? Beten heißt auch sich an Gott zu wenden und ihn zu fragen, was wirklich wichtig ist im eigenen Leben. Es heißt den Tag und alle Aktivitäten zu verarbeiten und in der absichtslosen Stille ein Gespür dafür zu gewinnen, was wichtig ist und worauf ich verzichten kann.
Eine Ungarin aus unserer Gruppe stellt sehr überraschend eine eigentlich logische Frage: “Was ist denn das Wichtigste in eurem Leben?”. An den Gesichtern der Anderen merke ich, dass die meisten wohl keine Antwort auf diese entscheidende Frage haben. Die Blicke sind auf Andrea und mich gerichtet. Wir haben vorher das Gespräch vorangetrieben. Von uns wird nun eine Antwort erwartet. Andrea antwortet als Erste: “Die Beziehung zu Gott ist für mich das Wichtigste.” Genau das wollte ich auch sagen. Was kann ich noch hinzufügen? “Für mich ist ebenfalls Gott das Wichtigste. Gott ist für mich die Liebe. Deshalb versuche ich alles, was ich tue, mit Liebe zu tun. Zum Beispiel gehe ich seit Februar ins Fitnessstudio. Und das ist ja auch eine Form von Liebe, nämlich zu meinem eigenen Körper, den Gott geschaffen hat, und den ich gesund erhalten möchte. Genauso versuche ich auch Dinge sein zu lassen, in denen ich einfach keine Liebe entdecken kann.”
Nach der Gesprächsgruppe kommt Andrea auf mich zu und sagt, sie sei beeindruckt über meinen tiefen Glauben. Ich weiß nicht, was ich erwidern soll, aber ich freue mich sehr. Als Gruppenleiter fühle ich mich immer sehr unsicher. Da tut eine solche Bestätigung wirklich gut.
Im Bus bekomme ich keinen Sitzplatz mehr, aber zwei Mädchen rutschen zusammen und lassen mich dazu setzen. Wir plaudern ein wenig.
Als wir in Zagreb aus dem Bus ausgestiegen sind, gehe ich nicht zum Mittagessen und zum Gebet, sondern mit Alexander, Matthias, Stephan und Andreas ins Stadtzentrum. Wir wollen Zagreb besichtigen und uns in einem schönen Restaurant von der Taizé-Schmalspurkost erholen. Im Bus kommt der sehr kontakt- und gesprächsfreudige Matthias mit einer kroatischen Mutter und ihrer Teenager-Tochter ins Gespräch. Die Mutter spricht hervorragend Deutsch, weil sie lange Zeit in Deutschland gearbeitet hat. Sie strahlt über das ganze Gesicht, nur weil sie uns getroffen hat. Sie will uns unbedingt zur Kathedrale führen. Sie sagt, sie gehe oft beten. Sie ist so ein liebes Persönchen, und strahlt eine solche Herzensgüte aus, dass ich sie am liebsten ganz fest knuddeln würde. Stattdessen verabschiedet sie sich schließlich in der Kathedrale herzlich von uns und zieht beschwingt mit ihrer Tochter (die gigantische Ohrringe trägt) von dannen. Seltsam. Eigentlich habe ich gar nichts getan, aber trotzdem jemandem eine große Freude gemacht. Auf der Pilgerfahrt des Vertrauens scheint alles so einfach.
Zagreb ist eine schöne, stilvolle Stadt, die vom Krieg verschont geblieben ist. Viele Kirchen, auch orthodoxe, lohnen einen Besuch. Die habsburgerische Vergangenheit ist überall spürbar. Ich vermisse ein wenig die so typisch osteuropäische Schmuddligkeit, die ich in polnischen Städten so geliebt habe. Das Essen und der Wein sind ganz hervorragend. Wir fünf Männer stellen fest, wie erholsam es ist mal ohne Frauen unterwegs zu sein. Zum Abendessen und zum Abendgebet finden wir uns wieder auf dem Messegelände ein. Ein Rabbiner nimmt an dem Gebet teil. Als er vorgestellt wird, setzt nicht enden wollender Applaus ein. Ich empfinde das als schöne, spontane Geste.
In der Gruppenleiterrunde wird schließlich die Predigt des morgigen Gottesdienstes verteilt, mit der Bitte um Übersetzung in die eigene Landessprache. Matthias nimmt sich dieser Aufgabe an. Doch wann übersetzen? Eine kurze Nacht wird auf ihn zukommen. An diesem Abend kommen die Nachbarn auf Gegenbesuch. Es wird zwar nicht ganz so feucht-fröhlich wie am Abend zuvor, aber früh ins Bett kommen wir deshalb noch lange nicht. Beim Einschlafen deutet Matthias an, dass er die Übersetzungsarbeit wohl stillschweigend unter den Tisch fallen lassen wird. Als er und sein Gewissen aber pünktlich um 6 Uhr vom krähenden Hahn geweckt wird, rafft er sich noch vor dem dritten Krähen auf und schreibt in einer Stunde schlaftrunken eine stilistisch einwandfreie Übersetzung herunter. Ich schlafe unterdessen tief und fest.
Es ist Sonntag. Wir treffen uns um 9 Uhr vor der Kirche und gehen in das alte Kino, das heute als Veranstaltungssaal dient. Wir wissen selbst nicht, was uns erwartet. Und tatsächlich erwartet uns etwas, das ich so noch nie erlebt habe. Martina, eine sehr sympathische Organisatorin, kündigt einige Mitglieder der Gemeinde an, die für uns Zeugnis geben werden. Das erscheint mir für eine katholische Gemeinde doch ziemlich ungewöhnlich. Es tritt sogleich eine ziemlich alte Frau auf die Bühne, die als “Großmutter” vorgestellt wird, als die “gute Seele” der Gemeinde. Sie hat etwas von Mutter Theresa an sich, und ich bin sehr gespannt auf ihr Zeugnis. Bis zum Ende ihrer Ansprache warte ich leider vergeblich darauf. Was sie zu sagen hat erinnert mich drastisch an längst vergessen geglaubte Kindheitserlebnisse in freikirchlichen Gemeinden. Dort stand in meiner Erinnerung mindestens ein selbst ernannter Prophet pro Veranstaltung auf der Bühne und sprach mit großer Leidenschaft und Inbrunst von den Verheißungen und Visionen, die Gott ihm eingegeben habe. So weit so gut, bloß konnte ich schon damals in diesen Verheißungen keinerlei Inhalt erkennen. So auch heute. Die Kunst dieser Frau besteht in der wiederholten Kombination von prophetisch klingenden, inhaltslosen Satzfragmenten nach einer Art Baukastensystem. Ich habe den Eindruck nicht der einzige zu sein, der unruhig auf seinem Stuhl herumrutscht. Doch wir nehmen ihr ab, dass sie ehrlich erfreut und ergriffen ist, vor so einer großen Anzahl von Jugendlichen aus der ganzen Welt sprechen zu dürfen. Wir verabschieden sie mit einem warmen Applaus. Worauf sie sich allerdings noch einmal nach vorne drängt – scheinbar hat sie eben eine Vision gehabt. Leider kann ich ihre Worte nicht von den vorangegangenen unterscheiden. Ein Kompliment gilt der tüchtigen Übersetzerin, einer kultiviert wirkenden Lehrerin in den Fünfzigern, die sich redlich bemüht den prophetischen Furor auch in der englischen Übersetzung wiederzugeben.
Als nächstes gibt ein gemütlich aussehender Mann mittleren Alters Zeugnis. Es beschränkt sich allerdings auf die Feststellung, dass das Lesen der Bibel sein Leben vollkommen verändert habe. Mittlerweile lese er die Bibel schon zum vierten Mal von Beginn an. Wie sich denn sein Leben konkret geändert hat, verrät er leider nicht, aber er mahnt uns eindringlich zum Studium der Heiligen Schrift, die er auch hoch über seinem Kopf in der rechten Hand hin und her schwenkt. Als wir auch diesen Redner mit einem warmen Applaus verabschieden, frage ich mich nicht ganz unamüsiert, wo wir denn hier gelandet sind. Etwas Vergleichbares habe ich in einer katholischen Gemeinde wahrlich noch nie erlebt. Gespannt warte ich auf das dritte und letzte Zeugnis. Eine junge, dunkelhaarige Frau steht auf der Bühne, die Arme verschränkt, die Miene finster. Groß baumelt ein Kreuz an ihren Hals. Mit leiser Stimme spricht sie über ihr Leben. Sie sei in einer Familie aufgewachsen, in der Religion keine Rolle spielte. Ihre Kindheit war schlimm. Als Jugendliche flüchtet sie sich in die Zerstreuung, auf wilde Parties, schwänzt die Schule, gerät in schlechte Gesellschaft. Probiert Marihuana, später andere Drogen. Immer mehr. Bald ist sie mit dem Leben am Ende. In ihrer Verzweiflung ruft sie zu Gott. Sie beginnt zu lesen, informiert sich über Drogensucht, betet, und findet Trost im Glauben und in der Kirche. Schließlich bekommt sie ihr Leben in den Griff. Ihr Zeugnis ist keineswegs schwungvoll gehalten. Aber es ist echt. Es fällt ihr sichtbar schwer über ihr Leben zu sprechen, und das rührt mich. Die Übersetzerin und Martina ringen mit den Tränen. Sie umarmen die junge Frau gerührt. Als diese endlich von der Bühne abtreten darf, verwandelt sich ihre Miene endlich in ein strahlendes Lächeln.
Der Bürgermeister des Ortes hat noch einige Worte an uns zu richten. Es ist im Grunde das, was Bürgermeister bei solchen Gelegenheiten immer sagen. Aber an einer Stelle begrüßt er überschwänglich “alle katholischen Jugendlichen, die zu uns nach Kroatien gekommen sind.” Protestanten und Orthodoxe, die ebenfalls nach Zagreb gekommen sind, bleiben unerwähnt, was uns ökumenisch gestimmte Deutsche natürlich sofort auffällt. Grinsend schauen wir in Richtung einer evangelischen Mitreisenden, die verständlicherweise etwas aufgebracht ist, und beschwichtigen sie. Es handle sich bestimmt nur um ein Versehen. Wir wissen noch nicht, dass dieser Fauxpas am nächsten Tag noch ein Nachspiel bekommen würde.
Endlich ist der ernste Teil vorüber. Als die fröhlich gekleidete Volkstanzgruppe samt Musikern die Bühne betritt, spüre ich den Saal erleichtert aufatmen. Ich glaube, ein dankbareres Publikum hat die Welt noch nicht gesehen. Die Sing- und Tanzeinlage der Kinder wird mit tosendem Applaus bedacht, und beim Gesang der allerliebst in weiß gekleideten und behäubten Großmütter schunkelt der ganze Saal im Dreivierteltakt. Zwischendurch walzern zwei ausgelassene italienische Jungs an der Bühne vorbei. Der Saal tobt vor Begeisterung, gibt stehende Ovationen für die Darbietung. So geht es fröhlich noch ein Weilchen weiter, bis die Truppe von der Bühne verschwindet. Bevor wir endgültig Richtung Sonntagsgottesdienst marschieren, wird aber freundlicherweise noch Musik aufgelegt, und wir tanzen ausgelassen zwischen den Stuhlreihen. Die fette Party, die für die Sylvesternacht geplant ist, könnte ohne Weiteres sofort beginnen. Stattdessen gehen wir aber ziemlich verschwitzt und in einer seltsam beschwingten Stimmung in den 11-Uhr-Gottesdienst.
Dieser verläuft ruhig. Zu Beginn bekommen wir Matthias’ glanzvolle Übersetzung der Predigt als Kopie in die Hand gedrückt. Als promoviertem Anglisten obliegt ihm auch die Aufgabe das Evangelium in englischer Sprache vorzulesen. Bei seiner dramatisch inszenierten Lesung, die Shakespeare zur Ehre gereicht, sehe ich einige Gottesdienstbesucher erstaunt aus ihrem Halbschlummer auffahren. Zum Mittagessen können wir getrost das eigentlich dafür vorgesehene Lunchpaket im Rucksack lassen, denn die Schwestern des Klosters haben für uns alle gekocht. Beim Essen ergibt sich so manches interessante Gespräch, in meinem Fall über das Verhältnis der katholischen Kirche zur Demokratie – das Thema meiner Magisterarbeit. Danach geht es wieder nach Zagreb – wie gewohnt fröhlich-gedrängt in unserem Party-Shuttlebus. Weil uns die Aussicht auf ein großes Nationentreffen nicht vollkommen überzeugt, tauchen wir stattdessen in einer kleinen Männergruppe wieder in die Straßen der Zagreber Altstadt ab, die sich sichtbar auf einen gewaltigen Andrang zur Sylvesternacht vorbereitet. In einem Café stapelt die Bedienung so viele Bier- und Champagnerkisten, dass sie kaum dazu kommt sich um unsere Bestellung zu kümmern.
Zum letzten Abendgebet finden wir uns schließlich wieder auf dem Messegelände ein. An diesem letzten Abend ergattere ich sogar endlich wieder einmal einen Sitzplatz in unserem Partybus, und flugs geht es zurück in unseren kleinen Ort Klostar Ivanic. Dort angekommen haben die Teilnehmer von jeder Nation genau eine Stunde Zeit um eine Einlage für das so genannte “Fest der Nationen” (= die fette Party) vorzubereiten. Unserer Kreativität sind keine Grenzen gesetzt, und wir erarbeiten ein repräsentatives Programm, das die deutsche Kultur in ihrer gesamten Breite und Tiefe angemessen wiedergeben soll. Böses Blut gibt es angesichts der Frage, ob wir denn wirklich die bayerische Nationalhymne zum Abschluss singen sollen. Stephan, ein waschechter Patriot aus unserer Gruppe, ist von dieser Idee beim besten Willen nicht abzubringen. Bayerischer Sturkopf eben.
Um elf Uhr abends beginnt noch ein letztes Mal ein Taizégebet in der Kirche. Als um Mitternacht draußen die Böller losgehen, singen wir unbeeindruckt “Dona la Pace”. Es passt zum Geist von Taizé den Jahreswechsel im Gebet und nicht mit lauten Böllern zu feiern. Danach geht es aber bald schon Richtung Party in das Alte Kino.
Wenn sich solch heißblütige Temperamente wie das polnische und italienische auf einer Feier vermischen, braucht man sich erfahrungsgemäß keine Sorgen um die Stimmung zu machen. Die Musik wird immer wieder unterbrochen für die Einlagen der verschiedenen Nationen. Wir Deutsche kommen mittendrin an die Reihe, gerade als die Stimmung so richtig kocht. Unser höchst anspruchsvolles Kulturprogramm beginnt mit einer hinreißenden Darbietung von “Mein kleiner grüner Kaktus” – mit Peter Meisel an der Gitarre, und wurde mit “Da hat das rote Pferd sich einfach umgekehrt” fortgesetzt. Zu diesem Lied sollen alle ein paar einfache Bewegungen nachmachen. Offenbar kommt das so gut an, dass der große Haufen der Polen einen nicht zu identifizierbaren Ruf skandiert, den wir einfach mal mit “Zugabe, Zugabe” übersetzen, so dass wir noch eine Runde vom roten Pferd und der lästigen Fliege folgen lassen. Mit dem Tanz von Bingo, dem Hund, fand unser Programm seinen Höhepunkt. Dieser Tanz besteht im wesentlichen daraus, dass sich die Tänzer am Ende mit einem lauten “Oh” in die Arme fallen. Mit der bayerischen Nationalhymne kommen wir schließlich zu unserem feierlich-patriotischen Ende. Stephan strahlt noch heute vor Stolz auf sein Vaterland..
So ähnlich geht es noch die ganze Nacht weiter, und wenn ich zurückdenke kann ich mich mit meinen 26 Jahren an kaum eine Party mit einer dermaßen ausgelassenen, guten Stimmung erinnern. Die Feier hätte mit Sicherheit noch weit länger als bis um 4:10 Uhr gedauert, hätte man uns nicht hinausgeschmissen. Zwei weitere Vorteile dieser Feier werden sich erst am nächsten Morgen erweisen: Kein Kater, denn es hat schließlich keinen Tropfen Alkohol gegeben. Und die Kleider stinken nicht nach Rauch. Ich kann mich nicht erinnern irgendwo auch nur eine Zigarette gesehen zu haben.
Freundschaft
Am nächsten Morgen können wir ausschlafen. Nur nicht Matthias, unserem rührigen Geisteswissenschaftler, der sich über einer Fürbitte für den Neujahrsgottesdienst den Kopf zerbricht. Vid, der kleine Sohn unserer Gastfamilie, klopft zu Matthias’ mäßiger Begeisterung alle fünf Minuten an die Zimmertür um ihm irgendetwas auf kroatisch mitzuteilen. Der Kleine ist einfach etwas aufgedreht. Irgendwann erbarme ich mich, packe die Gitarre aus und lasse ihn einen ersten Griff versuchen. Das beschäftigt ihn lang genug, so dass Matthias seine Fürbitte endlich fertigstellen kann. Um 11 Uhr drängen wir uns also in der überfüllten Kirche und feiern das neue Jahr. Matthias bittet in seiner Fürbitte für die Einheit der Christen und insbesondere für die orthodoxen und protestantischen Gäste in Zagreb. Sofort geht der eifrigen Übersetzerin vom vorigen Tag ein Licht auf und ihr wird der Fauxpas bei der Rede des Bürgermeisters bewusst. Nach dem Gottesdienst eilt sie völlig aufgelöst zu Matthias um sich für diesen unverzeihlichen Fehler zu entschuldigen. Ihr zu folge war der Bürgermeister nur unzureichend über das Taizétreffen informiert worden und dachte, es handle sich um ein katholisches Treffen. Sie selbst hat diesen Fehler im Eifer des Gefechts nicht erkannt. Vielmals bittet sie um Entschuldigung bei den nichtkatholischen Gästen. Sie ist völlig zerknirscht und verspricht bußfertiges Beten und Fasten für die nächste Zeit.
Nachdem dieses Missverständnis aufgeklärt ist, geht es zum abschließenden Festmahl bei den Familien. Wir feiern bei unseren Nachbarn. Dort wartet schon gleich eine Überraschung auf uns. Die Nachbarn haben auch zwei Töchter im Teenager-Alter, die uns zuvor gar nicht sonderlich aufgefallen sind. Aber anscheinend haben wir einen so großen Eindruck hinterlassen, dass sie ihr gesamtes Schulenglisch zusammengepackt haben um uns je einen wunderbaren kleinen Abschiedsbrief zu schreiben:
“Dear Peter!
This ours 4 days was so beautiful. Although you didn’t live with us, we still want to see you just sometime and together talk with you and Mathias. Although we saw you just 3-4 time we wished you, that was great! It’s harm what you stayed with us in the Klostar so short. We hope so that we will see soon. And that’s why we write you this letter and ours adress.”
Darauf folgt die Adresse. Wir sind sehr gerührt. Matthias sagt, dieser Brief sei ihm mehr wert als alle teuren Geschenke.
Das Festmahl bei den Nachbarn besteht aus traditionellen Krautwickeln, die es in allen Familien zum Neujahrstag gibt. Dazu ein gewaltiger Schweinebraten vom selbstgeschlachteten jungen Schwein. Ersteres schmeckt schon sehr lecker, das Schwein aber ist absolute Spitze. Nur mit der selbstgemachten Wurst kann ich mich nicht ganz anfreunden. Die Stimmung ist fröhlich und liebenswert. Der Hausherr trägt den lustigen Namen Dragomir und hat ein ebenso lustiges Gesicht mit weit abstehenden Segelohren. Immer wenn wir seinen Namen rufen, lacht er von einem Segel bis zum anderen und prostet uns zu. Die Mutter ist eine 2-Zentner-Wuchtbrumme mit ansteckendem Humor und einem weiten Herzen, in das sie uns vom ersten Besuch an eingeschlossen hat. Ich kann nicht anders, ich muss sie immer wieder ganz fest umarmen. Schade, dass unser Zug schon so bald geht. So müssen wir uns in Eile verabschieden und aufbrechen. Etwas gehetzt überreichen wir unserer eigenen Gastfamilie noch die mitgebrachten Geschenke (von mir ein Bildband über Oberbayern) und fahren zum Bahnhof.
Dort kommt eine Horde kroatischer Jugendlicher mit großen Schachteln vorbei, aus denen sie jedem von uns ein Sandwich für die Reise in die Hand drücken. Die kroatische Gastfreundschaft verfolgt uns so bis in die Heimreise hinein.
Im Zugabteil erwartet uns eine neue, spannende Begegnung: ein freundlicher Herr im besten Alter spricht uns an, in fließendem Deutsch. Insgesamt ist das schon das vierte Mal, dass ich in Bussen oder Bahnen von älteren Kroaten auf Deutsch angesprochen werde. Der freundliche Herr stellt sich als Angehöriger der kroatischen Armee heraus. So kommen wir auf den Krieg zu sprechen. Er hat in Vukovar gekämpft, in der Stadt, die von den Serben umzingelt und vollständig zerstört worden ist. Unser neuer Bekannter muss ein höherer Offizier sein. Ihm haben damals etwa 1000 Soldaten unterstanden. Die Verteidiger von Vukovar gelten trotz der schlussendlichen Niederlage als Helden, weil sie trotz bescheidenster militärischer Mittel die überlegene Streitmacht der jugoslawischen Armee mehrere Monate binden konnten, und so der kroatischen Führung die Zeit gaben ihre Armee zu formieren und aufzurüsten. Nach dem Pyrrhussieg der Eroberung Vukovars, einem Massaker an 300 Kroaten und einer gründlichen ethnischen Säuberung der Stadt erlitten die Serben eine Niederlage nach der anderen. Diese Schlacht weckte schließlich auch die Aufmerksamkeit der internationalen Öffentlichkeit.
Wir sprechen über die Zukunft. Herr Kraljevic, so sein Name, ist optimistisch. Kroatien wird voraussichtlich in einem Jahr der NATO beitreten und damit unangreifbar werden. Doch für die Brennpunkte im Balkan, für Bosnien und das Kosovo, fürchtet er immer noch einen Krieg. Zu viele Spannungen gibt es dort zwischen den Völkern. Was mich beeindruckt, sind die Milde und der Friede, die dieser Mann ausstrahlt. Trotz seiner sicherlich grauenhaften Kriegserlebnisse kann ich in ihm keinen Hass spüren, nur die Hoffnung auf eine friedlichere Zukunft. Er hat in Deutschland Ökonomie studiert, und im weiteren Gespräch erweist er sich als ausgesprochen gebildeter und kultivierter Mann. Am Zagreber Bahnhof verabschieden wir uns herzlich von ihm, glücklich über das Geschenk einer so unverhofften Begegnung.
In Zagreb haben wir noch bis um 21 Uhr Zeit. Deshalb wollen wir das schwere Gepäck im Schließfach unterbringen, was sich als schwere Aufgabe erweist. Denn so viele kleine Münzen haben wir nicht, also muss gestopft werden. Dann streiken noch zwei Schließfächer und wollen partout die eingeworfenen Münzen nicht mehr herausrücken. Durch gezielte, gewalttätige Tritte gegen den Münzeinwurf kann das Problem dann allerdings gelöst werden. Während sich Alexander, unser Medizinstudent, mit der Verstauung der Rucksäcke abplagt, entwickelt sich parallel eine hitzige Diskussion über die Bedeutung von Religion im Unterricht und in der Erziehung. Ich bekomme das Wortgefecht nur am Rande mit. Offenbar kommt es zu keiner Einigung. Ein paar Teilnehmer unserer Gruppe outen sich dabei als unreligiös, was ich ihnen aber nicht ganz abnehme. Manchmal haben die Menschen eine bestimmte Vorstellung davon, was Religiosität ist, und stellen fest, dass sie nicht so sind. Deshalb meinen sie, sie wären unreligiös. Es kann aber genauso gut sein, dass bloß ihre Vorstellung von Religiosität falsch ist. Jedenfalls fällt es mir schwer zu glauben, dass sich jemand für Taizé begeistern kann, der überhaupt nicht religiös ist. Die Sehnsucht nach Gemeinschaft, nach einer tieferen Verbundenheit ist selbst schon eine Form der Religiosität. Letztlich ist es die Sehnsucht nach der immer größeren Liebe und der Wille ihrem Ruf zu folgen, die einen religiösen Menschen ausmachen. Auf der Pilgerfahrt des Vertrauens nach Zagreb sind wir diesem Ruf gefolgt. In vielen Formen ist uns die Liebe begegnet, in der Gastfreundschaft, in der Kameradschaft, im Interesse für den Anderen, im Gebet, in der ausgelassenen Feier. Wir sind Pilger des Vertrauens, weil wir darauf vertraut haben, dass uns die Liebe durch diese Tage trägt und wir voller Freude nach Hause zurück kehren werden, um selbst die immer größere Liebe in unseren Alltag zu tragen.
Zu Hause
Wir verbringen noch ein paar schöne Stunden in einem ruhigen, nächtlichen Zagreb und kehren vergnügt nach München heim. Seltsamerweise spüre ich jetzt – drei Tage später – noch immer keine Depression, wie so oft, wenn ich nach solch schönen Gemeinschaftserlebnissen wieder nach Hause komme. Dieser Bericht ist ein Schritt um meine Freude weiter zu tragen und Andere an ihr teilhaben zu lassen. Das Schreiben selbst war mir die reinste Freude und ich überlege nun wirklich, ob es nicht an der Zeit wäre mein erstes richtiges Buch zu schreiben, wovon ich schon lange träume.
Denn noch etwas ist so wunderbar an Taizé: Der Pilgerweg des Vertrauens hat kein Ende. Zu Hause geht er weiter. Und wohin er uns zum nächsten Jahreswechsel trägt, wissen wir auch schon. Genf.
Peter Meisel, 5. Januar 2007
