„Und dann wird es plötzlich konkret“

Amos, ein Prophet aus dem Alten Testament, nannte seine Zeit „böse“ und er gab seinen Zuhörern eine eindeutige Weisung mit: „Sucht das Gute, nicht das Böse, dann werdet ihr leben!“ Darin, in den ganz konkreten Taten, in den Zeichen gelebter Solidarität liegt der „Ausweg“ – auch das erlebe ich immer wieder in der Caritas-Arbeit hier in der Gemeinde und wenn ich gemeinsam mit Freunden und Bekannten nach Lösungen suche. 

Ein Beispiel, stellvertretend für viele: Ich verbringe einen Abend mit Freunden und Bekannten, zum Teil hier aus dem Bezirk und einige auch aus der sozialen Arbeit. Wir reden, wie so oft, über die Politik, die soziale Situation und über unsere Ohnmacht angesichts der immer komplexer werdenden Probleme und der damit einhergehenden Überforderung. Doch dann wird es plötzlich konkret. Jemand fragt mich nach meiner Arbeit, nach konkreten Fällen und ich erzähle ein Beispiel: eine Frau, die sich die Kohle, das Holz in diesem Jahr nicht mehr leisten kann und dass wir keinen Händler finden konnten, der das Brennmaterial gratis gibt. Und dann wird es sehr schnell konkret. Eine hat noch Kohlen, die nicht gebraucht sind, ein anderer die Idee, wo Holz zu bekommen ist, das nur noch gehackt gehört. Zwei Tage später ist dieses Problem gelöst, und wir hatten an diesem Abend das Gefühl, es geht doch. Immer dann, wenn wir praktisch werden, teilen, dann verändert sich etwas.

Dieses konkrete Tun heißt für mich „das Gute suchen“. In der Zeit der großen Not kommt es darauf an, wachsam zu sein und Position zu beziehen, auch wenn das unbequem ist: in der Gemeinde, in der Gesellschaft und in der Politik – sonst wird die Not noch größere werden. 

Was mich sonst bewegt, ist mein ehrenamtliches Engagement in der afrikanischen katholischen Gemeinde, die zu 65% aus nigerianischen Flüchtlingen besteht und einen nicht abreißenden Zustrom an neuen Mitgliedern hat. Eine scheinbar unlösbare Aufgabe. Ich habe diese Gemeinde kennengelernt durch die Begleitung eines jungen Christen aus Nigeria, der als Flüchtling hier obdachlos wurde und an die Tür unserer Gemeinde geklopft hat. Als ich „geöffnet“ habe wußte ich nicht, was sich damit für mich verändern wird.

In der Begleitung erlebe ich eine Glauben, der mich staunen macht und sehe Dinge, die ich nicht sehen wollte – wie stark Rassismus uns prägt, wie aussichtslos unsere Politik der Abschottung ist und wie menschenzerstörend. Aber ich erlebe auch das Staunen einer Gemeinde – mit einer zugegeben verrückten Pastoralassistentin – die erlebt, dass der Drogendealer, den sie meinten aufzunehmen, ein Mensch ist, der sich einbringt, der da ist, wenn man ihn braucht… Jetzt ist sein Deutsch besser, und er arbeitet in der Firmvorbereitung mit. Das löst Irritationen aus, bei Jugendlichen und Eltern. Darf ein Mensch ohne Rechte das? Ist unsere Kirche so? Und es ermöglicht ganz neue Erfahrungen und sehr tiefe Gespräche.

Der junge Christ aus Nigeria wird vermutlich trotz sehr gut recherchiertem Asylantrag noch lange warten müssen, bis es ein Ergebnis gibt. Und ob ein Nigerianer hier einen positiven Bescheid bekommt – weiß wohl nur der liebe Gott. Wir lernen miteinander einen Weg zu gehen, der geprägt ist von dem Vertrauen, dass der leibe Gott es weiß und seine Wege andere sind als unsere – zum Glück. Ich wäre gern auch mit ihm nach Hamburg zum Europäischen Jugendtreffen gekommen. Es wird nicht gehen, da wir die Konsequenzen nicht abschätzen können und ich ihn nicht allein zu Weihnachten lassen möchte. So werden wir den Jahreswechsel hier verbringen.

Roswitha, Wien, hat lange in Taizé und bei den Europäischen Jugendtreffen mitgeholfen


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