In dunkler Nacht woll’n wir ziehen, lebendiges Wasser finden…. Taizé 2009

Der Beginn einer Wiederkehr.

“In dunkler Nacht woll’n wir ziehen, lebendiges Wasser finden. Nur unser Durst wird uns leuchten, nur unser Durst wird uns leuchten.”

In jener Nacht waren auch wir unterwegs. Die einen, weil sie an die Quelle zurückkehrten, die für sie in Taizé entsprungen ist. – Wir anderen aber sollten den Durst noch verspüren, der in diesem Taizé-Lied wie eine Sehnsucht zu leuchten beginnt:

“In dunkler Nacht woll’n wir ziehen, lebendiges Wasser finden. Nur unser Durst wird uns leuchten, nur unser Durst wird uns leuchten.”

Du meinst, ich solle dir erst mal was von Taizé berichten? – Mein Bericht führt dich auf einen Hügel irgendwo in Frankreich, durch ein Dorf, wie es da viele gibt, hin zu einer Ansiedlung von Baracken, einem Zeltlager, das im Winter eher wie ausgestorben scheint. Dann irgendwann stehst du wie ich vor einem unüberschaubar großen Gebäude, halb U-Boot-Bunker, halb Baracke, mit Zwiebeltürmchen und orthodoxen Kreuzen drauf. Du findest das vielleicht auch eher eigenartig. Aber das ist die ganz große Kirche von Taizé. – Mmh. Es ist kalt und dir geht es vielleicht wie mir: Du stehst da draußen, suchst den Eingang und frierst.

“In dunkler Nacht woll’n wir ziehen, lebendiges Wasser finden. Nur unser Durst wird uns leuchten, nur unser Durst wird uns leuchten.”

Da leuchtet erst mal gar nix, nach einer Nacht im Reisebus. Und das erstbeste lebendige Wasser, das hier zu finden ist, spendiert uns ein Kaffeeautomat gegen Einwurf von 40 Cent.

Vor uns liegen sieben Tage und falls du dich (wie ich an jenem Morgen) auch fragst, was es in Taizé – außer Nachdenken über die orthodoxen Kreuze, Gemeinschaft mit hunderten Jugendlichen aus aller Welt und Spaziergängen zur Trasse des französischen Hochgeschwindigkeitszugs ‘teʒe’ve’ – noch zu tun gibt, ließe sich mein Bericht im Wesentlichen auf die Formel ORA ET LABORA beschränken: Bete und arbeite!

“In dunkler Nacht woll’n wir ziehen, lebendiges Wasser finden. Nur unser Durst wird uns leuchten, nur unser Durst wird uns leuchten.”

Zwischen dem ORA und dem LABORA gibt es auch etwas zu Essen. (Aber damit trifte ich in Nebensächlichkeiten ab.) Berichtenswert ist das Davor: das erste Zusammenstehen der internationalen Gemeinschaft in der Kälte beim Empfang des ersten Taizé-Frühstücks (petit-déjeuner) aus den Händen der Geberländer (diejenigen, die gerade das Essen austeilen) – und das Danach: die Möglichkeit, sich demütig in den Dienst des Geschirrspülens zu stellen und leibhaftig zu erleben, was es heißt, in Ströme lebendigen (Abwasch-)Wassers regelrecht einzutauchen…

“In dunkler Nacht woll’n wir ziehen, lebendiges Wasser finden. Nur unser Durst wird uns leuchten, nur unser Durst wird uns leuchten.”

Mehr kann ich dir jetzt nicht berichten. Denn ich habe einen Eingang gefunden in die große Kirche von Taizé, und Schilder gebieten nun, still zu sein. Komm einfach mit!

Die warme Atmosphäre, die mich im inneren der Kirche umfängt, kann nur schwer Gegenstand eines Berichtes werden. Es ist, als tauchte ich ein. Es zieht mich hinab auf den Boden, wie viele andere Menschen auch. Meine Augen finden nach vorn zu den vielen flackernden Lichtern, und mein Blick folgt den leuchtend orangenen Segeln, die sich nach oben aufspannen. Männer in weißen Gewändern reihen sich ein, und der Klang eines Liedes erfüllt den Raum. Es kehrt immer wieder, und Worte, die guttun, erreichen jeden in seiner Sprache. Viele sind gekommen, und jeder findet die Stimme für sein Lied.

“In dunkler Nacht woll’n wir ziehen, lebendiges Wasser finden. Nur unser Durst wird uns leuchten, nur unser Durst wird uns leuchten.”

Stille.

Stille, wie eine Wüste.

Stille, in der eine Quelle aufbricht.

Das Wasser, von dem ich trinke, gibt es überall auf der Welt. Aber den Weg zu dieser Quelle habe ich in Taizé neu gehen gelernt: Zuerst verlangsamt sich mein Schritt. Denn das Wasser fließt nicht erst da vorn, am Ende meines Weges. Die Quelle finde ich nicht erst, wenn ich von A nach B gelaufen bin. Also dann setze ich mich einfach hin. – Da, mitten auf meinem Weg erfahre ich ein schönes Bild, das mir hilft, sitzen zu bleiben: Ich bin wie ein Haus, und in mir fließt etwas von dem Wasser, das ich suche. Nicht ich, sondern die Wege laufen auf dieses Haus zu. Die Menschen kommen zu mir. Sie und die wirklich wichtigen Aufgaben finden bei mir Raum und Zeit, sich zu entfalten.

Der Weg von Taizé ist keiner, der wie die Termine in meinem Kalender von einer Station zur nächsten voranschreitet. Der Weg von Taizé kehrt immer wieder, wie ein Kreis: von Sonntag zu Sonntag, von Gebet zu Gebet, von Stille zu Stille, – und zurück nach Taizé, wo jedes Lied selbst zum Refrain wird:

“In dunkler Nacht woll’n wir ziehen, lebendiges Wasser finden. Nur unser Durst wird uns leuchten, nur unser Durst wird uns leuchten.”

M. Fiedler


Suche
Podcasts
Admin