Gibt es irgendetwas, das noch schöner sein könnte?
Der lange Weg der Versöhnung
Früh hatte ich mich entschieden wieder den Pilgerweg des Vertrauens zu gehen. Genf hieß dieses Jahr das Ziel für mich, für meine zwanzigköpfige Münchner Gruppe und für 40.000 Jugendliche aus der ganzen Welt. In der Vorbereitungszeit fürchtete ich ein wenig, dass die überwältigenden Erfahrungen vom letztjährigen Treffen in Zagreb kaum übertroffen werden konnten. Würde es nicht im Grunde nur dasselbe sein? Würde sich so etwas wie Wiederholung, Langeweile, Routine einschleichen? Meine Befürchtungen bestätigten sich nicht, auch wenn der erste Tag alles andere als gut begann.
Von der Enttäuschung zur Freude
Da wir diesmal sehr spät ankamen, gab es nur noch wenige freie Plätze bei Privatpersonen. Unsere Münchner Gruppe von 20 Leuten musste sich zudem auf verschiedene Pfarreien verteilen. Ich kam mit 9 weiteren Münchnern in die kleine katholische Pfarrei St. Marc. Das war die erste kleine Enttäuschung, denn ich hätte mich sehr dafür interessiert eine reformierte Gemeinde kennenzulernen. In St. Marc begrüßten uns die ehrenamtlichen Mitarbeiter der Pfarrei mit einem Infozettel, auf dem sie unter anderem erklärten, dass die Pfarrei praktisch keine Jugend hat. Zweite kleine Enttäuschung. Außerdem konnten nur 5 von uns bei Privatpersonen unterkommen. Weil eigentlich niemand in einer Schule schlafen wollte, mussten sich einige opfern. Unter anderem ich. Dritte Enttäuschung. Die Schule war ein wenig einladender Betonbau inmitten eines Plattenbauviertels, das sich nicht wesentlich von ostdeutschen Trabantenstädten unterschied. Nummer vier. In der Schule waren nicht sehr viele Pilger einquartiert, die zudem in erster Linie schlafen wollten, anstatt internationale Verbrüderung zu feiern. Enttäuschung fünf und sechs. Ich schlief auf meiner harten Isomatte mit dem Gedanken ein, dass Gott mir mit dieser Erfahrung vielleicht irgendetwas mitteilen möchte. Jedenfalls schraubte ich demütig meine Erwartungen herunter und nahm mir vor das Beste aus der Situation zu machen.
Am nächsten Tag jedoch sollte alles anders werden. Was zunächst nur ein Gerücht war, wurde schnell zur Gewissheit: Einige Russen waren nicht aufgetaucht und so waren in einer Familie genau noch fünf Plätze frei. Wir packten also abends schnell unsere Sachen und fuhren zu einem großen freistehenden Haus zwischen den Hochhäusern, wo uns ein unglaublich nettes älteres Ehepaar aufnahm. Weil auch noch eine russische Familie (Vater, Mutter, Tochter) einquartiert war, waren wir zu acht. Erstaunlicherweise hatte trotzdem jeder sein Bett in dem großen Haus. Ich weiß nicht genau, was Gott mit der Nacht in der Turnhalle beabsichtigte. Handelte es sich vielleicht um einen dieser kleinen, göttlichen Tritte in den Hintern? Mit Sicherheit erhöhte diese eine Nacht meine Freude über die Gastfamilie und über viele kleine Annehmlichkeiten um ein Vielfaches. Die Erkenntnis, dass es viel schöner ist, in einem gemütlichen kleinen Wohnzimmer über Gott und die Welt zu plaudern als auf einem von Halogenlampen kreideweiß ausgeleuchteten Korridor eines überfunktionalen Schulgebäudes aus der Betonphase der Architektur mag vielleicht nicht weltbewegend sein, aber doch ungemein wertvoll.
Von der Freude zur Begegnung
Taizé lebt von der Begegnung. Sie fängt bereits in München an. Nur eine Handvoll Mitstreiter kannte ich bereits, der Rest wollte erst einmal kennen gelernt werden. Die etwa achtstündige Zugfahrt bot dazu ausreichend Gelegenheit. Als wir in Genf aus dem Zug stiegen, waren wir längst kein zufällig zusammengesprengelter Haufen mehr, sondern eine Gemeinschaft, die miteinander lachte, spielte, ratschte und philosophierte. In der Gastfamilie geht die Begegnung weiter. Wir fünf, die wir gemeinsam unterkamen, hatten das große Glück, dass wir fast alle französisch sprachen und uns so ausgiebig mit unseren Gasteltern austauschen konnten. In nur kurzer Zeit erfuhren wir im Gespräch mit ihnen so viel über die Pfarrei, das Stadtviertel, Genf und die Schweiz, dass ich unmöglich alles aufzählen kann. Ganz ehrlich: Wenn es die Möglichkeit gäbe Großeltern zu adoptieren, die beiden würden zu den allerersten Kandidaten gehören. Und dann waren da noch die drei Russen, die von uns kompromisslos integriert wurden, auch wenn die sprachlichen Hürden groß waren. Immerhin sprach die fünfzehnjährige Tochter (die übrigens ausgesprochen hübsch war) etwas Deutsch und Englisch und gab den Dolmetscher. Besonders beeindruckend fanden wir, dass der Vater Korvettenkapitän auf einem Atom-U-Bott der russischen Flotte ist. Wow! Man ist mit Klischees über bestimmte Länder schnell bei der Hand, aber was kann ich dafür, dass dieser große, starke, schweigsame Mann genau meiner Vorstellung eines echten Russen entsprach? Ich brauchte ihn nur anzusehen und spürte den eisigen Wind des arktischen Meeres, die Einsamkeit der sibirischen Wälder und die Weite der russischen Taiga. Ich war mir sicher, dass er wie ein Bär für sein Land und für seine Familie kämpfen würde, wenn es nötig war. Uns gegenüber war er allerdings ausgesprochen nett und ein wenig schüchtern.
Am Vormittag nach dem Morgengebet in der Pfarrei ging es weiter mit der Begegnung. Gesprächsgruppen wurden eingeteilt und – Yippieh! – ich wurde diesmal nicht als Animator benötigt. Das große Thema war diesmal Versöhnung. Ich erfuhr von einer Polin von den Problemen mit der Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit, von ähnlichen Schwierigkeiten der Slowenen, deren Ursachen bis in den zweiten Weltkrieg zurückreichen, als slowenische Partisanen mit den Nazis kollaborierten. Von den Franzosen erfuhr ich zu meiner großen Rührung, dass sie Deutschland für die Versöhnungsarbeit der vergangenen Jahrzehnte sehr bewundern, und auch von der misslungenen Integration der maghrebinischen und afrikanischen Immigranten in den Banlieus. An einem anderen Tag unterhielten wir uns über Versöhnung in Familien, bei Ehepartnern, über das Problem der Scheidungen. Ich konnte vom positiven Beispiel meiner Eltern erzählen, die trotz tiefer Konflikte immer weiter nach Versöhnung suchen und gleichzeitig andere Ehepaare in ihrem Ringen um eine liebevolle Beziehung unterstützen. Wir alle hatten Erfahrungen gemacht, in denen Versöhnung notwendig war – sei es auf gesellschaftlicher Ebene oder privat, wie zum Beispiel als Nachhilfelehrer von Kindern, deren Eltern nicht beziehungsfähig sind.
Und schließlich war da noch die Begegnung bei den großen Gebeten auf dem Genfer Messegelände. Auch wenn dort die schiere Masse an Jugendlichen persönliche Begegnung erschwerte, so entstand doch eine große Verbundenheit mit all diesen jungen Menschen, die sich mehrmals am Tag in bester Laune in vollen Bussen und in langen Schlangen zum gemeinsamen Gebet aufmachten.
Von der Begegnung zum Gebet
Ich sitze ziemlich genau in der Mitte einer unüberschaubaren Menge Zehntausender Jugendlicher. Die gewaltige Frontseite der Halle ist mit orangenem Stoff und biblischen Bildern geschmückt. Das Orange leuchtet so hell wie die Gesichter der Menschen, die mich umgeben. Weil ich mir den Luxus erlaube meinen Kopf auf einem Rucksack zu betten, ist selbst mein Körper still und sendet keine Signale der Unbequemlichkeit mehr aus. Gerade hat die zehnminütige Stille begonnen. Niemand rührt sich mehr, die Unruhe auf den Gängen ist verstummt. Die Pilger – in ihrer Mitte die Brüder von Taizé – sind in sich selbst versunken. Ich sehe kurz nach links, zu meinen Münchner Freunden, zu den Mädels aus Hannover, die sich uns in den vergangenen Tagen ein paar Mal angeschlossen haben, und dann nach rechts zu den Jugendlichen aus aller Herren Länder, die ich nicht kenne, die aber genauso gut meine Freunde sein könnten. Und dann steigt eine Frage in mir auf. Sie sprudelt an die Oberfläche meiner Gedanken, genau wie Wasser, das zur Quelle drängt: Gibt es einen Ort, an dem du jetzt lieber wärst? Kannst du dir eine Gemeinschaft noch besserer Freunde vorstellen? Gibt es irgendetwas, das noch schöner sein könnte, als dieser Moment? Und meine Antwort ist so klar und schlicht wie die Freude, die ich empfinde: “Nöh!”
Dann schließe ich die Augen und werde still.
Vom Gebet zur Liebe
Ich weiß nicht, warum ich mich gerade in der Gemeinschaft von Taizé so gut aufgehoben fühle. Etwas sehr Wichtiges und Tiefes verbindet mich mit den Menschen, die sich wie ich immer wieder aufmachen auf den Pilgerweg des Vertrauens. Auch an anderen Orten kann ich ähnlich fröhlichen und originellen Menschen begegnen, aber nirgendwo in einer dermaßen intensiven und schönen Form. Einige Male blieb ich in Genf auf dem Weg zum großen Gebet einfach stehen und genoss es in die Gesichter der vorbeiziehenden Menschen zu sehen. Mich überwältigte die Erkenntnis, dass praktisch jeder in dieser unwahrscheinlichen Menge ein ebenso bereichernder Freund sein könnte, wie meine 19 Mitstreiter aus München. Und erst jetzt, als ich an diese Momente zurückdenke und diese Zeilen schreiben, ahne ich, warum jede Pilgerfahrt immer wieder zu einem neuen, wunderbaren Erlebnis wird: In jeder neuen Begegnung mit einem Menschen erschließt sich ein ganzes Universum. Die äußeren Umstände mögen sich wiederholen, aber die Begegnung ist immer wieder neu. Und etwas anderes kommt noch hinzu: Ich bin selbst ein Anderer als im Jahr zuvor. Ich erlebe anders, denke anders und öffne mich anders zu den Menschen und zum Gebet. Der Weg geht immer weiter, ich bleibe nicht stehen.
Diese Sehnsucht nach Begegnung, die in mir ist, wurde mir erst auf diesem Pilgerweg so richtig bewusst. Ist es möglich sich in 40.000 Menschen zu verlieben? Nach menschlichen Maßstäben wohl kaum. Aber irgendwie habe ich mich in alle verliebt. Auch wenn ich nur eine winzige Gruppe an Menschen wirklich persönlich kennen gelernt habe, so bin ich doch mit allen anderen in dieser großen Sehnsucht nach Gemeinschaft und Liebe verbunden. Ist es nicht das, was Liebende tun – gemeinsam nach Gemeinschaft und der immer größeren Liebe suchen?
Der Weg geht weiter
Es soll Leute geben, die es als lästig empfinden stundenlang im Zug zu sitzen, irgendwohin und wieder zurück zu reisen. Nicht so bei uns. Im Gegenteil: Tränen flossen, als ein Mädchen vorzeitig in Stuttgart ausstieg. Zu schön wäre es gewesen noch ein paar Stunden mit uns weiterzufahren. Und wirklich: keine Sekunde hätte ich von dieser Zugfahrt missen wollen. Die vielen intensiven, persönlichen und tiefen Gespräche, die Scherze, das Lachen, das Kartenspiel, das Zugtheater, das wir aufführten und das gemeinsame Singen beim Umsteigen in Stuttgart. Viele Eindrücke reiften erst in diesen Stunden im Zug, viele Ideen kamen erst in diesen Gesprächen. Was bleibt für mich hängen? Cornel, ein Mitstreiter, der sich durch seine besondere Leidenschaft für tiefschürfende, hochanspruchsvolle Gespräche auszeichnet, meinte, in der Mystik liege die Zukunft des Glaubens. In der Begegnung im Gebet, in der Gemeinschaft mit Gott und den Mitmenschen. Es ist eine etwas befremdliche Vorstellung: Aber wahrscheinlich sind wir, die zwanzig aus München, ein Haufen moderner Mystiker! Seltsam deshalb, weil man sich unter einem Mystiker eher einen Asketen, einen Mönch, einen Heiligen, oder sonst irgendwie etwas seltsamen Menschen vorstellt. Jedenfalls nicht solch ganz normale Leute wie dich und mich. Aber das Wort “Mystik” kommt vom lateinischen “mysticus” und heißt nichts anderes als “unbeschreiblich” und “geheimnisvoll”. Ist es nicht gerade dieses unbeschreiblich Schöne und Geheimnisvolle, das uns immer wieder zum gemeinsamen Gebet führt? Und ist es nicht eine “mystische Erfahrung”, wenn uns die ganz schlichte Begegnung mit anderen Menschen und im Gebet mit Gott mit einer tiefen Freude erfüllt?
Es gibt viele Dinge, über die ich weiter nachdenken muss. Jeder Tag birgt so viele neue Herausforderungen! Das Schöne an Taizé ist, dass ich jedes Mal gerne wieder nach Hause komme, erfüllt mit neuen Gedanken. Und mit einer Telefonliste auf meinem Schreibtisch mit lauter tollen Freunden, die ich nur anzurufen brauche, falls ich sie wiedersehen möchte.
Peter aus Baldham bei München
